Kultur : Kein schöner Licht zu jener Zeit

Bernhard Schulz

Nicht im Süden Europas, doch immerhin im Süden Hollands liegt die Stadt Dordrecht, die als Hafen an der Maas bis zum 18. Jahrhundert den Vorrang vor Rotterdam einnahm. Das Licht des italienischen Südens indessen hat Aelbert Cuyp (1620-91) über seine zahlreichen Ansichten der Stadt gegossen, mit denen er im 17. Jahrhundert als dem Gouden Eeuw, dem "Goldenen Jahrhundert" der Niederlande, Furore machte.

Die Maler seiner Zeit arbeiteten sehr präzise für einen fest umrissenen Markt. Das südliche Licht auf Cuyps Bildern fand seine zahlungskräftigen Bewunderer. Der Maler war selbst nie in Rom gewesen, dürfte allerdings bei seinen Reisen nach Utrecht den kaum älteren Jan Both getroffen haben. Der hatte in Rom die idealen Landschaften des Franzosen Claude Lorrain kennen gelernt und war bereits 1641 in die mit der Zurückdrängung der Spanier rasch prosperierenden und 1648 auch politisch vollständig unabhängigen Niederlande zurückgekehrt.

Es erstaunt immer wieder, dass ein scheinbar so wohl erschlossenes Gebiet der Kunstgeschichte wie die niederländische Malerei dergestalt mit Hypothesen arbeiten muss. Nicht allein Vermeer gibt Rätsel auf. Auch die so ganz diesseitige Malerei von Aelbert Cuyp - dem bedeutendsten Spross einer Malerfamilie - erschließt sich ihrer Entstehung nach bislang nicht vollständig. Cuyps Bilder wurden stets geschätzt; zunächst von seinen Landsleuten, dann von englischen Gentleman-Sammlern des 18. Jahrhunderts, bis schließlich die angelsächsischen Museen folgten.

Doch erst jetzt ist die überhaupt erste monografische Ausstellung seines Werkes zustande gekommen, organisiert von den Nationalgalerien in Washington und London und derzeit zu sehen in der britischen Hauptstadt. Eine Retrospektive im vollen Wortsinne ist es nicht, dazu fehlen denn doch zu viele Arbeiten, zumal diejenigen, die sich nach wie vor in Privatbesitz befinden. Doch mit 43 Gemälden und 27 Zeichnungen ist ein gültiger Überblick möglich. Aelbert Cuyp war nur in jüngeren Jahren - nachweislich ab 1639 - als Maler tätig. 1658 heiratete er eine vermögende Dordrechter Witwe und widmete sich fortan, seinem neuen gesellschaftlichen Status als "Regent" gemäß, öffentlichen, im besten Sinne bürgerlichen Aufgaben unter anderem in der Verwaltung sozialer Einrichtungen. Zum Malen fand er ab Mitte der 60er Jahre keine Zeit mehr, wird es wohl auch als nicht mehr standesgemäß empfunden haben.

Malerei galt als Handwerk und folgte den Wünschen der Auftraggeber. Cuyp war stets auch als Portraitist tätig und gab seiner wohlhabenden Dordrechter Klientel ein zunehmend aristokratisches Gepräge. Doch der wirtschaftliche Aufstieg der Niederlande und die damit einhergehende Differenzierung der Gesellschaft spiegelt sich nicht nur in solchen, leicht lesbaren Bildern. Auch die vermeintlich zeitlosen, pastoralen Landschaften, für die Cuyp so gerühmt wurde und die seine Wertschätzung bei der englischen Aristokratie des folgenden Jahrhunderts begründeten, sprechen präzise von den historischen Umständen ihrer Zeit. Die Kühe beispielsweise, die er anatomisch so genau wie kein zweiter wiederzugeben verstand, deuten auf die prosperierende Vieh- und Milchwirtschaft Hollands. Cuyp gibt seinen allein oder in Herden auftretenden Kühen eine monumentale Würde, die ihnen ältere Maler zuvor nicht zugebilligt hatten und die sie über die Perspektive des bloßen Nutzviehs weit hinaushebt. Nicht die Kühe bilden die Staffage für Landschaften zum Beispiel mit Schäfern oder Fischern - die Menschen sind es, die umgekehrt als Staffagefiguren für die dominierenden Tiergruppen dienen. Gerade Dordrecht war stolz auf seine Viehzucht auf den umliegenden Poldern, die es seit der letzten, verheerenden Sturmflut von 1421 Stück um Stück dem Meer abgerungen hatte und die zugleich den friedlichen Charakter Hollands symbolisierten. Insofern liegt es nahe, in der Kuh eine Allegorie der terra, des Landes schlechthin zu erblicken, worauf der vorbildliche Katalog der Ausstellung hinweist.

Spektakulärer für den heutigen Betrachter sind Cuyps Ansichten seiner Heimatstadt, deren charakteristische Silhouette am Zusammenfluss mehrerer Wasser- und damit Handelswege er, der zugleich ein stupender Zeichner war, immer wieder gemalt hat. Der mächtige, rechteckige Turm der Grote Kerk bietet einen zuverlässigen Orientierungspunkt auch da, wo die Stadt ganz an die Seite rückt wie in seiner wohl schönsten Darstellung, dem ungewöhnlich querformatigen "Dordrecht von Norden", um 1650 und damit auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn entstanden. Die Fahrzeuge auf dem Wasser geben auch hier Hinweise auf die Wirtschaft der stolzen Stadt: So deutet das die rechte Bildhälfte beherrschende Floß auf den Schiffbau, der mit rheinabwärts getriebenem Holz aus den westfälischen Wäldern arbeitete.

Ein einziges Mal wird ein unmittelbar zeithistorisches Ereignis zum Thema. In "Die Maas bei Dordrecht" gibt Cuyp die niederländische Flotte wieder, die 1646 mit rund 30 000 Mann in den Gewässern der Stadt zusammengezogen wurde, wohl um in den sich dahinziehenden Friedensverhandlungen mit Spanien Eindruck zu machen. Zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam es nicht, und auch Cuyp gibt dem Ganzen ein geradezu festliches Gepräge - nicht verwunderlich, entstand das Bild doch einige Jahre nach dem Frieden von Münster. Es kennzeichnet die Rezeption des Cuypschen µuvres, dass das Thema des Bildes alsbald in Vergessenheit geriet und erst vor einigen Jahren wieder entschlüsselt werden konnte.

Übrigens war es der erste Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Gustav Waagen, der sich in seinem 1854-57 publizierten mehrbändigen Werk "Kunstschätze in Großbritannien" enthusiastisch über das unterdessen in England befindliche Gemälde äußert. Waagen hebt besonders die feinen Abstufungen von Luft und Licht hervor. Wenn man einen gemeinsamen Nenner für Cuyps Gemälde finden wollte, so ist es in der Tat die Fähigkeit, Tageszeiten - zumal Abendstimmungen - präzise wiederzugeben und sie zugleich mit besagtem Licht des Südens zu überhöhen. Was Cuyp vor Augen stellt, ist ein holländisches Arkadien - freilich kein erträumtes, sondern eines, das fest im Hier und Jetzt seiner Zeit verankert war.

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