Kultur : Kein Soldatenglück

Zweifel an der Front: Vier Bücher schildern den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan aus der Nähe.

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Die Bücher vom Krieg in Afghanistan häufen sich. Und das Bild, das sie von diesem fernen Geschehen nach Deutschland liefern, ist vielschichtig.

Jonathan Schnitt, Jahrgang 1980, hat sich ein halbes Jahr als Beobachter in die Truppen in Kunduz einschleusen lassen – „embedded“ nennt sich das, eingebettet in die militärischen Kolonnen. Und natürlich fragt man sich, wie frei der Reporter sich in einem solchen Umfeld bewegen, wie frei er danach Auskunft geben kann. Es fand keine Zensur statt, behauptet der Journalist. Und doch wirkt sein Bericht seltsam weich gespült, keine Traumata werden gemeldet, keine Übergriffe, keine Gewalt, keine brutalen oder demütigenden Kommandos der Befehlshaber – so soll Krieg sein?

Was geht in den Köpfen der Militärs vor, fragt man sich. Jonathan Schnitt fragt sich das nicht. Auch sieht er den Auftrag in Afghanistan ausschließlich als Hilfsmaßnahme und stellt sich nicht einmal die Frage, ob nicht womöglich Bodenschätze den Untergrund für den Krieg abgeben. Schnitt legt so etwas wie ein Tagebuch vor, schneidet Interviews dazwischen, gibt Beobachtungen aus der Ferne über Land und Leute dazu, ergänzt es mit historischem Hintergrund. Insgesamt scheint der junge Autor dem Thema in mehrfacher Weise nicht gewachsen zu sein: Der Bericht ist nicht gut erzählt und analytisch ist er wenig erhellend.

Überzeugender ist der Bericht eines ehemaligen Elitesoldaten. Robert Sedlatzek-Müller, 1977 in Rostock geboren, begann mit 21 Jahren seinen Wehrdienst. Er ließ sich zum Fallschirmjäger und Hundeführer ausbilden, überlebte mit viel Glück im März 2002 eine Raketenexplosion in Afghanistan. Als schwer Traumatisierter kehrte er mit einer starken „posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS) nach Deutschland zurück. Einst zum harten Kerl gedrillt, gepanzert und gewappnet, bleibt am Ende nur ein Häufchen Elend übrig. Er kann nicht schlafen, ist ständig müde und verspannt, er betäubt die Ängste und Beklemmungen mit Alkohol, hat Albträume, gerät außer Kontrolle, hat Gewaltfantasien, kriegt ständig „Flashbacks“, die das Entsetzliche wieder vor Augen führen. Er plagt sich mit endlosen Krankheiten, die eine Folge des Traumas sind, kann sich nicht konzentrieren, weiß nicht, wie ihm geschieht, denkt an Selbstmord, kriegt Panik in geschlossenen Räumen, verprellt Freunde, Familie, Geliebte.

Sedlatzek-Müller gibt seinem Erfahrungsbericht den bitteren Titel „Soldatenglück“. Er schreibt, wie auch der Untertitel lautet, über sein „Leben nach dem Überleben“. Sedlatzek-Müller ist ein Gezeichneter; bis heute hat er an den Folgen seines Kriegseinsatzes zu leiden.

Doch auch Sedlatzek-Müllers Bericht hinterlässt schließlich einen zwiespältigen Eindruck. Der Autor ist im Untertanengeist der DDR groß geworden, sein Großvater war ein „hoher Kommandeur der Kampfgruppen“ der DDR, er selbst zu „pflichtbewusstem Handeln“ erzogen und „zutiefst vom selbstlosen Edelmut der Soldaten überzeugt“. Zum Soldaten sei er „aus Berufung“ geworden, bekennt er. Stolz ist er auf seine Uniform, stolz auf Auszeichnungen, er spricht unverblümt von „meiner Soldatenehre“. Drill und Kommandostrukturen seien unabdingbar. Solche Gefolgschaft ist in autoritären Bündnissen womöglich nötig; doch dem Autor scheint dieser Zwiespalt nicht bewusst zu sein. Der Soldat wirkt tragisch verstrickt in vorherrschende Strukturen, er denkt und schreibt in militärischen Kategorien.

Später, nach seinem Einsatz in Afghanistan, macht Sedlatzek-Müller bittere Erfahrungen mit der Militärbürokratie, die ihn hinhält, zum Bittsteller werden lässt und mit Gutachten demütigt. Von der Fürsorgepflicht, die sogar im Soldatengesetz festgeschrieben ist, erfährt er nichts. Er macht auch mit Politikern bittere Erfahrungen, die es nicht einmal für nötig erachten, ihm zu antworten, wie etwa der SPD-Politiker Wolfgang Thierse. Der Soldat erfährt Desinteresse, Ignoranz, Hochmut, Willkür, Schamlosigkeit und Herzenskälte. Schließlich geht Sedlatzek- Müller an die Öffentlichkeit, weil er sich anders nicht zu helfen weiß, um so etwas wie Wiedergutmachung zu erhalten.

Der Autor hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Er war in Talkshows und engagiert sich heute für die Betroffenen von PTBS. Seine eigenen Schäden sind ihm geblieben. Sedlatzek-Müller hat ein empörendes Buch verfasst, es ist das Zeugnis eines Beschädigten und eine Anklage gegen unmenschliche Strukturen in Politik und Militär.

Was der Krieg aus den Menschen macht, erfährt man auch aus Marita Scholz’ Buch: „Heimatfront“. Ein Titel, der darauf hinweist, dass der Krieg zu Hause weitergeht, dass das „Leben mit einem Kriegsheimkehrer“ zermürbend und angstbesetzt sein kann, sogar lebensgefährlich. Seelisch verstümmelte Soldaten sind Amokläufer auf Zuruf. Sie landen unweigerlich in der Sackgasse, solange Militärbürokratie, Psychologen, Ärzte und Politiker zu wenig für eine rasche Gesundung tun und mit Unverständnis, Hinhaltetaktik, Demütigung und Desinteresse die Leiden noch verschlimmern.

Auch wenn Marita Scholz sich lange mit privaten Details beschäftigt, in den von fremder Hand aufgezeichneten Erinnerungen findet sich schließlich die ganze Leidensgeschichte von Familien traumatisierter Soldaten wieder: der Leser erfährt auch bei Scholz von den ständigen Explosionen eines schwer psychisch geschädigten Mannes; von der Untätigkeit paragrafenreitender Bürokraten; von der Herzenskälte von Ärzten, die sich zum Richter aufschwingen; vom Kadavergehorsam und der Verschwiegenheitspflicht der Opfer in Uniform, die so zu Marionetten des Kriegsapparates werden; schließlich vom Drama dieser „unberechenbaren Kampfmaschine“, wie es einmal heißt. Die Diagnose lautet auch hier: PTBS-Syndrom. Der Bericht von Marita Scholz ist beklemmend und beängstigend, eindringlich und auch empörend.

„Vier Tage im November“, heißt der breit und ausführlich angelegte Erfahrungsbericht von Johannes Clair. Vier Tage im November 2010 hatte der Zeitsoldat Dauerbeschuss zu überstehen, darauf nimmt der Titel Bezug. Zu Beginn seines Einsatzes trägt ihn Begeisterung, wohl auch Abenteuerlust, dann soldatische Tugenden wie Treue, Kameradschaft, Patriotismus. Jedenfalls geht Clair freiwillig in den Krieg nach Afghanistan. Der Zeitsoldat überlebt dort mehrere Sprengstoffanschläge, und er ist dabei, als erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Artillerie eingesetzt wird.

In Clairs Bericht erfährt man viel über militärische Strategien, erhält akkurate Schilderungen vom Kriegsschauplatz, Beschreibungen von Scharmützeln aller Art. Auch die lebensgefährliche Suche nach Sprengsätzen, unter Umständen in pechschwarzer Nacht, beschreibt er. Das „starke Band der Kameradschaft“ rühmt er, aber es wachsen auch die Zweifel. Wut und Rachegedanken gegen die Feinde kommen hinzu, Sarkasmus und Galgenhumor und schließlich: erbärmliche Angst. Es ist ein Kriegsbericht, ein Überlebensbericht, ein Abenteuerroman und auch so etwas wie eine Heldengeschichte, bei der die Sprache manches Mal klingt wie für einen Landserroman verfasst: „Die Waffen spieen wieder ihre tödliche Fracht.“

Ein Fazit aus allen Büchern aber lautet: Die Zweifel am Sinn des Krieges in Afghanistan überwiegen. Denn dass die politischen und gesellschaftlichen Strukturen im Land nach dem Abzug der Truppen verändert sein werden, das bezweifeln die Kriegsheimkehrer.

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