Kultur : Kein Sport - kein Mord

ULRIKE KAHLE

Wut und Aggressionen, Buhrufe in Hamburg, relative Begeisterung in Bremen.Zwei Regisseure versuchten sich mit aller Kraft an dem Jelinekschen Sport-Mord-Brocken.In Hamburg packt Regisseur Christof Nel das "Sportstück" des Jahres in viele schöne Bilder und Auftritte, ab und zu die Autorin weiterdenkend, steigernd, meistens aber den Text unverständlicher und schwieriger machend.Inhalt der 190 Seiten: Sport ist Mord ist Krieg und Entpersönlichung - Familie ist der Anfang allen Leids - Männer beherrschen die Welt und wollen auch noch sich selbst erschaffen - Frau und Autorin kämpft um Platz und Rolle, wird geschmäht und bekämpft.

Das Hauptproblem dieses wie aller Jelinek-Texte: Kein Theaterstück, eine überdimensionale Anklage, keine Dialoge, keine Beziehungen.Stattdesssen: Elfriede Jeleniks Credo im Spannungsfeld zwischen antiker Tragödie und Privatem, ihr Haß auf die von Männern zugerichtete Welt mit Krieg, mit Sport, mit Massenveranstaltungen und Massenmedien, Verdinglichung und Entfremdung statt indidividuellem Leben.Immer wieder thematisiert Jelinek auch ihre eigene Trauer und Wut als Autorin, als Frau, als Tochter.

Diese traumatisierende, immer wieder thematisierte Biographie: eine dominante Mutter, die sie mit Ballett- und Klavierunterricht zur Künstlerin abrichten wollte, ein geniale Vater jüdischer Herkunft, der im Irrenhaus landete, Geist und Sprache verlor.Seine Tochter wird zur totalen, ja, totalitären Beherrscherin der Sprache.Den Büchner-Preis hat sie, eine Ruh soll sie geben.Und doch, liest man "Ein Sportstück", gewinnt der Text.Jelinek mit ihrer zur Kunst verdichteten Logorrhoe (krankhaften Geschwätzigkeit) - sie tanzt auf einem schmalen Grad zwischen Persönlichem, Ironisierung des Persönlichen und Allgemeinem.Ihre Manie, sich in Worte und ihre Bedeutungen hineinzubohren, sie hin- und herzuwenden, bis sie etwas Neues, auch das Gegenteil bedeuten, bis hin zum nicht immer geistreichen Kalauer - das ist, fürwahr, eine Zumutung.Eine Zumutung, die in Einar Schleefs sechs- bis siebenstündiger Wiener Uraufführung auch beim Berliner Theatertreffen zuletzt bejubelt wurde.

In Bremen zeigt Joachim Lux in seiner radikalen Kurzfassung einen schlüssig energischen Zugriff: Vor Betreten der langgestreckten kleinen Sportarena im ehemaligen Kino "Concordia" darf der Zuschauer wählen zwischen roter, gelber, grüner Karte, zwischen Normal- Mittel- und Hochsitz (Bühne & Kostüme: Kathrin Frosch).Auf verschiebbaren Leitern muß jeder schnell seinen Platz erklimmen auf erhöhter Tribühne, sich festgurten, als Gefangener und Schiedsrichter zugleich von oben auf das ziemlich muntere Treiben schauen: Ein Entkommen während der Vorstellung ist praktisch unmöglich.Schon das zeigt Witz und kluge Denkungsart.Das Programmheft ist gestaltet wie eine "taz"-Ausgabe.Und die wunderbare Schauspielerin Henriette Cejpek als Elfie Elektra im Jelinek-Outfit steht oben an der Tribühnen-Schmalseite als Einpeitscherin und Dirigentin, Spielelenkerin.Die Mutterszene: Cornelia Kempers, bombastisch in weißen Bandagen mit Blutspuren eingewickelt - Mumie - japanische Puppe - chinesischer Frauenfuß? - macht ihre doppelbödige Klage über den an die Welt des Sports verlorenen Sohn eindringlich und spannend.Auch Gabriele Möller-Lukasz gibt die Mehrfach-Mörderin alter Männer mit entzückend stilisierter Strenge, wenn sie mit einem Löffelchen in der Hand ewig im Kreis trippelnd erzählt, eine ganz und gar gefaßte Kleinbürgergöttin des Todes.Diese Frau kehrt selbst ihre Rolle um, statt Leben geben Leben nehmen, und so wird sie autark, dem Manne gleich.

Leider wird der verheißungsvolle Beginn nicht durchgehalten.Die kleine Sporttruppe karikiert zwar aufs schönste das proletarische Sport-Outfit und Gebaren, doch die acht schrillen Typen torkeln statt sporteln, und irgendwann verliert die Aufführung ihren Witz, die Schärfe.Da nützt auch das im Rollstuhl heftig herumkurvende "Opfer" nichts.

Dieses "Opfer" tritt in Hamburg als Jesus auf, nackt mit malerisch drapierten Lendenschurz, eine unübertreffliche Idee.Auch Regisseur Christof Nel und Dramaturgin Stefanie Carp haben kräftig gedacht und es wurde mit allen Mitteln dreieinhalb Stunden um das Stück gekämpft: mit aufwendigem Bühnenbild (Stefan Mayer), mit 30 Darstellern und Klangcollagen und Ideen über Ideen.Doch in Hamburg war der Sturz bedeutend härter: von anfänglicher Begeisterung in jähe Verzweiflung.Endlich mal keine Jelinek-Kopie oder Puppe auf der Bühne: fast genial, die Kombination von Autorin und Elfi Elektra als ungleich-gleiches Frauenpaar.Oder die namenlosen Frauen als drei sich lässig räkelnde blondperückte Parzen.Oder der herrliche Auftritt von Werner Rehm, Wolf Aniol und Joseph Ostendorf als Mütter: Die Mutter, die einem Sohn das Leben gegeben hat, der sich im Sport (und Krieg) von ihr entfernt, sich neu erschafft, hat das männliche Prinzip internalisiert.Doch ein paar glänzende Szenen konnten nicht darüber hinweghelfen, daß man ermattete, ermüdete, weghörte.Wenn Bernd Grawert vehement turnend die Selbstverhöhnungen der Autorin wütend in die Wände einer klaustrophalen Kammer tritt, hört man zu.Bei den anderen sich in der Turn-, Schreib- oder Schreckenskammer windenden Männer schaltete man wieder ab.Und erst recht bei dem langweiligen Auftritt von Achilles und Hektor, den antiken Superhelden als Sportfunktionäre im Trainingsanzug: Nur reden, reden, keine Aktion.So geht es immer mehr abwärts in die Beliebigkeit.Und mag die einstige Berliner Volksbühnen-Diva Silvia Rieger noch so schön und kratzigbürstig-präsent den Part der Autorin geben (leider akustisch zunehmend unverständlich): Sie erntete berechtigte Buhrufe beim schlußendlichen Papi-Monolog; diese kindliche und ziemlich sentimentale Tochterklage um den verlorenen Vater, sozusagen ein Herzstück aller antiken Familien-dramen, absichtsvoll privatisiert und banalisiert - das kann man nicht gefühlsselig triefend eins zu eins anbieten.

Einar Schleefs Uraufführung in Wien, die bracchiale Aneignung und Verschmelzung von Jelenikscher Sprachwut mit Schleefscher Bühnen-Exerzierwut scheint im Nachhinein das einzig Adäquate.Ein Regisseur für Elfriede Jelinek muß ihr ebenbürtig sein, ebensosehr von Wut besessen, und das waren bisher nur Frank Castorf mit seiner chaotischen, philosophierend verspielten Wut bei "Raststätte" und eben Schleef.So intelligente, gesittete Herren wie Joachim Lux oder Christof Nel erlösen den Text, die Prinzessin Jelinek nicht.

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