Kultur : Kein Stillstand, nirgends

Peter Herbstreuth

Auch nach der Verabschiedung des Gründers Michael Haerdter will das Berliner Künstlerhaus Bethanien seiner Ursprungsidee treu bleibenPeter Herbstreuth

Der Abschied ist eine Ankunft. Am 31. Dezember 1999 hat der Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien, Michael Haerdter, seinen Posten an den bisherigen künstlerischen Projektleiter Christoph Tannert abgegeben. Dann hat er das Haus durch eine Drehtür verlassen, um es am 1. Januar 2000 als Kurator (unter Werkvertrag) für die Ausstellung "Durchreise" wieder zu betreten. Mit dieser Pirouette gewinnt der Abschied einen Gestus, der eher an Fred Astaire als an den ansonsten stets lächelnd im Hintergrund bleibenden Erfinder des Künstlerhauses erinnert.

Neben den visuellen Künsten lagen Haerdters Leidenschaften vor allem in den performativen Künsten Tanz, Theater, Film und Musik. Damit sie sich entwickeln, hatte er 1974 die Idee des Künstlerhauses in die Welt gesetzt und bereits 1975 die dafür notwendige Institution eröffnet. "Die Idee des Künstlerhauses fasst viele Gedanken zusammen, die bereits in den sechziger Jahren kursierten", meint Tannert. "Das Prozessuale der Kunst und das Nomadische der Künstler, die Notwendigkeit der Vernetzung, also des Dialogs, nicht zuletzt die Schaffung von berechenbaren Plätzen, an denen Künstler wie Forscher über einen begrenzten Zeitraum hinweg finanziell weitgehend gesichert ein Projekt verwirklichen können - dafür hatte Haerdter damals das Bewusstsein geschaffen", erklärt sein Nachfolger. "Es sollte auch weiterhin Häuser geben, die der freien Produktion Vorrang gegenüber dem marktfertigen Produkt einräumen. Das soll auch im Bethanien so bleiben."

So lag es schon damals nahe, junge Künstler einzuladen, die noch keine Ausstellungsliste und einen erkennbaren Marktwert haben, sondern ihre Form erst noch finden müssen - und dafür ein aufnahmebereites Umfeld brauchen. Die Arbeit am Künstlerhaus Bethanien hat sich immer als Investition in die Zukunft verstanden. Mittlerweile gibt es weltweit über 150 Häuser, die das Berliner Modell direkt oder indirekt adaptiert haben und über das Netzwerk "RES ARTIS" miteinander verbunden sind, das ebenfalls vom Künstlerhaus initiiert wurde.

Jede Investition in die Zukunft ist Risikokapital. Durch die kontuierlichen Einsparungen im Kulturetat weckt die Stadt nun den Eindruck, eine Institution abzuspeisen, die sie unter heutigen Bedingungen kaum noch gründen wollen würde. Die Senatskulturverwaltung lässt das Haus zwar nicht sterben, doch von den Subventionen des vergangenen Jahres in Höhe von 1 143 600 Mark sind bereits 918 000 Mark durch Personalkosten gebunden. Durch Kooperationen mit dem Zigarettenhersteller Philip Morris, dem DAAD, der American Academy, der DG Bank, dem Automobilkonzern Honda, dem Nordic Art and Design Committee mit Sitz in Stockholm und Helsinki und den 13 Partnerländern erwirtschaftete das Haus eine halbe Million Mark für Ausstellungen und Kataloge.

Für die auf unternehmerische Tugenden verpflichtete Leitung ist das ein Teufelskreis: Je mehr sie erwirtschaftet, desto dürftiger tröpfelt es aus der öffentlichen Kasse. Man kann es aber auch anders sehen. Die Institution hat sich in den fetten achtziger Jahren, als Berliner Institutionen gemästet wurden, einen Apparat aufgebürdet, den sie heute nicht mehr losbekommt. Tannert hatte sich deshalb vor zwei Jahren zu der Bemerkung hinreißen lassen, es wäre wohl das Beste, die GmbH abzuwickeln, um sie abgespeckt neuzugründen. Nun denkt er anders darüber. "Wir sind eine Werkstatt für junge avancierte Künstler. Sie bekommen hier die Möglichkeit, auch ohne verwertbares Ergebnis zu arbeiten. Die langfristigen Verträge mit unseren Partnerländern - mit Australien, Brasilien, Finnland, Luxemburg, Neuseeland, den Niederlanden, Russland, Schweden, Ungarn und den USA - sichern unsere Unabhängigkeit. Wir sind keine Kunsthalle, sondern ein Atelierhaus, das auch Ausstellungen macht."

Die Betonung, sich auf die ureigensten Belange der Künstler zu konzentrieren und weniger mit Ausstellungen als mit optimalen Arbeitsbedingungen für Künstler zu brillieren, ist neu. Die Institution bietet zwar die Möglichkeiten, doch das Gebäude selbst sieht nicht danach aus. Das Entrée des Künstlerhauses signalisiert in keiner Weise, dass es sich um ein solches handelt. Nur kleine Wegweiser zeigen dem Besucher, wohin er sich wenden muss, um zu den Ausstellungsräumen und Ateliers zu gelangen. Zu Werbezwecken wird zwar gerne die imposanten Fassade der von Persius, Stüler und Stein erbauten Diakonissen-Anstalt verwendet, doch das Künstlerhaus ist nur einer der vielen Untermieter des vom Bezirksamt Kreuzberg verwalteten Gebäudes. Überdies hat es die Leitung des Künstlerhauses in 25 Jahren nicht geschafft, jenseits der Studio-Ausstellungen und eher seltenen Gesprächsabende einen zwanglosen Kommunikationsraum in Form etwa eines Cafés zu etablieren.

Der wichtigste Unterschied zu den anderen Kunstinstitutionen der Stadt liegt darin, dass hier Künstler permanent anwesend sind. Sie suchen Kontakte, die sie an die Stadt binden, damit sie Grund haben, wiederzukommen. Deshalb wird auch die für April geplante Abschiedsausstellung von Michael Haerdter "Durchreise" heißen und die Mobilität der Künstler beleuchten. Die schiefe Bezeichnung "Nomade" als Synonym für Künstler weist zwar darauf hin, dass es Plätze geben muss, die angesteuert werden, weil sie den Interessen der Ruhelosen entgegenkommen. Aber das Künstlerhaus Bethanien erfüllt seine Aufgabe nur, wenn es sich für Künstler unaufhörlich überflüssig macht. "Das Investment in künstlerische Positionen", so Tannert, "kann lokalpolitisch nur heißen: dem Gründungsgedanken treu zu bleiben. Berlin behält auch weiterhin verschiedene Zentren. So sehen wir jetzt auch, dass die Szene, die uns in den letzten Jahren in Richtung Mitte verlassen hat, wieder zurückkommt."

Lange Zeit galt das Künstlerhaus als Produktionsstätte bei diejenigen, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren, als unentbehrlich. Denn neben der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, dem Neuen Berliner Kunstverein und dem Haus am Waldsee war dies das einzige Forum, auf dem sie ihre Interessen verhandelt sahen. Nach dem Mauerfall änderten sich die Gewichtungen; die Kunst-Werke in der Auguststraße kamen als wichtiger Ort für zeitgenössische Kunst hinzu. Doch auch dort bleibt alles in Bewegung. Die Neigungen ändern sich wieder. Kein Stillstand, nirgends.

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