Kultur : Kein Tango - schwebender Kampf

HANNS ZISCHLER

Der Kampf ist vorüber.Die ganze Nacht haben die beiden miteinander gerungen und Staub aufgewirbelt, "bis die Morgenröte anbrach".Dann hat der andere - "der Mann", sagt Martin Luther - Jakob die Hüfte ausgerenkt.Der Staub hat sich gelegt.

Daß der Bartlose, der beängstigend Sanfte mit dem offenen Gesicht ein Engel sei, hat die Legende so gewollt.Dieser Engel ist eine Gestalt der Nacht.Er will den Kampf beenden und entweichen, ehe der Tag anbricht.Er obsiegt, aber er kann sich nicht aus dem Staub machen.Deshalb malt Rembrandt ihn wie eine Enthüllung.Wie eine Frau, wie eine Geliebte.Das weite Gewand ist ihr von der rechten Schulter gerutscht, gehalten nur von einem schmalen Gurt, wodurch die Entblößung noch hervorgehoben wird.Das punctum aber, das, wovon unser Auge immer wieder angezogen wird, ist die warm schimmernde Haut, das "Fleisch".Dieses Fleisch lebte und leuchte und pulsierte, Jean Genet zufolge, auch dann noch wenn man Rembrandts Gemälde in kleine Stücke zerrisse.

Dies hält Jakob fest, umklammert es, fast ist es, als höbe er "sie" hoch und werde von ihr gehalten, und mit gesenktem Blick erbittet und ertrotz er den Segen, den sie - ihr Lächeln verrät es - ihm nicht wird verweigern können.Jakobs Triumph wird sein, trotz der Schmerzen und der bleibenden Verrenkung, diesem nächtlichen Schauplatz einen Namen zu geben, das wüste Land zu einem heiligen Ort - Pniel, d.h.Gottes Angesicht - zu machen.Delacroix hat diesselbe Geschichte wie einen kraftvollen Tango gemalt; bei Rembrandt ist es ein leichter, schwebender Kampf, das melancholische Nachspiel einer, in heutigen Worten, unheimlichen Begegnung.

Der Taumel, der den Betrachter erfaßt, ist gewaltig.Denn es drängt sich gerade wegen der paradoxen Ruhe und Gelassenheit, mit der Rembrandt diesen Kampf schildert, das gewissermaßen unsichtbare und undarstellbare Bild eines (überwundenen) Todeskampfes auf.Als habe Jakob seinen Tod geträumt und sei wie zum Leben erwacht.Zu diesem Erwachen gehört auch, daß Jakob von dem Engel einen neuen Namen erhält: Israel.Auf dem Rembrandts Bild sähen wir dann den letzten Augenblick dieses Traums.

Marina Zwetajewa hat die Stärke dieses Todesengels der Kraft der Liebe gleichgesetzt.In ihrem Gedicht "Ich reiß dich aus jeder Erde" skandiert sie den gewaltsamen Kampf um den Geliebten in maßlos drängenden Bildern der Entwurzelung und erneuten Inbesitznahme.Sie endet in dem Aufschrei: "Und im letzten Kampf nehm ich dich - und schweig! -/, Jenem, der Jakob die Stärke des Engels zeigt."

Rembrandts Engel kehrt zwei Jahre nach diesem Gemälde als göttlicher Souffleur wieder: auf dem Bild des Evangelisten Matthäus (Louvre) ist derselbe Enge, dasselbe Angesicht, ganz nahe am Ohr des ergriffenen Schreibers und fast neugierig blickt er Matthäus über die Schuler, um einen Blick von dem zu erhaschen, was dem Evangelisten in diesem Augenblick aus der Feder fließt.

Der Autor lebt als Schauspieler und Essayist in Berlin.

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