Kultur : Kein Teppich nach Tibet

VOLKER LÜKE

Räucherstäbchen auf der Bühne - das haben wir ja schon lange nicht mehr gehabt.Dabei sollte bekannt sein, daß einigen Leuten davon richtig schlecht werden kann.Charles Curtis, ausgebildeter Cellist aus New York, der früher mit La Monte Young und John Cale geprobt hat und mittlerweile in Hamburg wohnt, weil er beim Norddeutschen Rundfunkorchester seine Brötchen verdient, hat trotzdem welche mitgebracht und gleich angesteckt, bevor er Freitagnacht im Maria am Ostbahnhof mit zwei Gitarristen auftritt, die ebenfalls aus New York kommen: Alan Licht, der sich im Umfeld der New Yorker Downtown-Szene durch Kollaborationen mit Rudolph Grey, dem Coltrane-Drummer Rashied Ali, DJ Spooky oder Loren Mazzacane-Conners einen Namen gemacht hat, sowie Dean Roberts, der eigentlich aus Neuseeland stammt.Die Ausgangsform ist Minimal.Das Trio flutet den Saal mit einer Instrumental-Musik, die in einem radikalen Begriff von Improvisation gründet und den Träumen und Vorstellungen einer "Dream Music" von Tony Conrad, La Monte Young und Terry Riley sehr nahe kommt.Getragen wird der Sound von einem "Bordun"-Dauerton, wie er aus der indischen Musik bekannt ist, hier allerdings statt von der Tambura aus dem Sinus-Ton-Generator brummt wie Telegrahphendraht im Sturmwind und als Grundlage benutzt wird wie in anderen Musiken der Groove: kein fliegender Teppich nach Tibet, sondern scharf wie Heringsdosendeckel, schwebend und verzogen, mit querschlägerartig dazwischenschießenden Obertönen und Flageolett-Effekten, hineingetrieben in schnelle Rockgeschwindigkeit und pralle Soundwolken, bis der ganze Raum zu einem einzigen Feedback-Getöse vibriert.Eine Musik voll innerer Spannung und oft atemberaubender Dichte, die über 65 Minuten die Grenzen des hypnotischen Zustands erweitert.Man muß schon den Kopf einschalten, um mit dem kreischenden Vorwärtsgang Schritt zu halten und den musikalischen Abschweifungen zu folgen, die den gesamten Höhenbereich in das tobende Zischen klaustrophobischer Zustände schrauben, so daß sie fast nicht mehr auszuhalten sind und doch in ihrer Schönheit unendlich anmutig wirken, bis sie schließlich aufwärts wirbeln und davontreiben wie Fetzen verlöschenden Lichts.Zwei Gitarren und ein Cello.Die Nachwirkungen hielten bis spät in die Nacht.

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