Kultur : Kein Tod im Rollstuhl

Christoph Funke

Sorgsam ist die Falle aufgebaut. Der 1929 in Brügge geborene, flämisch und niederländisch schreibende Dichter Hugo Claus, Schöpfer eines kaum überschaubaren Werkes aller poetischen Gattungen, weist seinem dramatischen Text "Heimkehr" einen genauen Ort und eine genaue Zeit zu. Das Stück spiele, so merkt er an, in einem bürgerlichen Vorort von Gent, Ostflandern, im Februar 1970. Diese Zuordnung aber verschleiert absichtsvoll eine Geschichte, die tief ins Mythische zurückgreift.

Hinter der Plauderei in einer scheinbar ganz durchschnittlichen Familie lauern die Abgründe des Eros und der Habgier. Raffiniert verdreht Claus den Ödipus-Komplex, geheimnisvoll steigert er den bürgerlichen Alltag: Gogo-Tänzer und Aikido-Kämpfer treten in Traumszenen auf, ein Schmetterling flattert durch holdselige Frühlingsstimmung. Dabei sind die Vorgänge selbst ganz banal: Zu Vater und Mutter, die in dem Haus einer pflegebedürftigen alten Dame leben und deren Tod sehnlich erwarten, kehrt der Sohn heim - mit einer Freundin. Sofort ist erotische Hochspannung da - und der Sohn treibt dem sexuell ausgehungerten Vater die Freundin zu, mit deren Einwilligung. Erwartet wird vom Familienoberhaupt eine Gegenleistung, die Tötung der Alten im Rollstuhl. Aber dem "Leiter einer mittelgroßen Fleischerei" gelingt diese verruchte Tat nicht. Sohn und Freundin gehen wieder. Vielleicht kommen sie ja zurück - morgen.

Der Dialog des jetzt im bat-Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" vorgestellten Stückes hat, von zwei bekenntnishaften Monologen abgesehen, einen kurzen Atem. Fast stoßweise äußern sich die Figuren. Was sie sagen, wenn sie etwas sagen, deutet an, verschleiert, weist auf tief Verborgenes. Die Würde des Individuums steht auf dem Spiel, die Möglichkeiten gegenseitiger Verletzung werden bis zum Äußersten ausgereizt, aber auf dem Grunde der Ängste, der Hilflosigkeit bleibt so etwas wie Verletzlichkeit und Zuneigung. Vorgänge, die sich als flott, amüsant, prickelnd tarnen, verhalten im unentschieden Geheimnisvollen, verlieren sich mit Lust an ein unentwirrbares Beziehungsgeflecht aus literarischen Vor- und Gegenbildern. Keine leichte Aufgabe für einen jungen Regisseur. Didier Nkebereza (4. Studienjahr Schauspiel) löste sie durch die rücksichtslose Hochladung der Szenen in aggressive Sprache und Gestik. Er bricht die Familie aus der Normalität heraus, die Figuren bieten sich schamlos an, werden in gewittriges Ungestüm gestürzt und dann wieder auf müde Nüchternheit heruntergeholt. Im Raum mit dem vielbedeutenden Kanapee und dem Rollstuhl (Bühne und Kostüme Lothar Hüttling, Uni für angewandte Kunst Wien) sind die Darsteller immer anwesend. Es gibt eine "Wartehaltung" der gerade nicht am Spiel Beteiligten - mit dem Rücken zum Publikum, auf Barhockern. Das stellt, gemeinsam mit dem Soundtrack (Claude Chassevent), eine schwüle Atmosphäre allgemeiner Konspiration her. Die Schauspieler führen gleichsam Versuchsanordnungen durch, sie verzichten bewusst auf Psychologie, setzen auf die unvermittelten Umschwünge von Exaltation in nüchterne Normalität. Unter den Profis um Uli Krohm, Cornelia Lippert und Sterica Rein spielt Schauspiel-Student Jannek Petri den Sohn Rik, zurückhaltend, fast schüchtern, als einen Fremden in der seltsamen, verrückten Familie.

Didier Nkebereza gelang es überzeugend, das 1975 uraufgeführte vieldeutige Stück mit seinen "realen" und übersinnlichen Gestalten in eine Einheit zu zwingen. Die Fremdheit gegenüber der Geschichte allerdings bleibt.

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