Kultur : Kein Trost, nirgends

HANS-JÖRG ROTHER

Und es muß uns doch gelingen, was die Stasi einst verbot.Mitte der achtziger Jahre wollte Helga Reidemeister den Ost-Berliner Künstlersohn Robert Paris als ein Beispiel unangepaßten Lebens in der DDR porträtieren.Mielkes Behörde untersagte die Dreharbeiten.Nun kann die Regisseurin den mittlerweile bekannt gewordenen Fotografen als einen wiederum unbequemen Zeitgenossen vorzeigen.Paris will, sagt er immer wieder, die Regeln dieser Gesellschaft nicht akzeptieren.Allerorten sieht er Anpassung, ein Sichverkaufen und Beweise für eine Verschwörung der Multis gegen die leicht verführbare Mehrheit.Als Berliner Fotograf, der sich in den verfallenen unterirdischen Bahnhöfen und vor den Ruinen vergangener Macht zu Hause fühlte, verübelt er der Stadt vor allem den neuen Potsdamer Platz.

Das Beste an diesem Film sind die eingefügten Fotos von Robert Paris, die ein zumeist menschenleeres Ost-Berlin im milchigen Licht klug komponierter Graustufen festhalten.Genau das Gegenteil davon tut die Kamera von Lars Barthel dem Zuschauer an, wenn sie - gebannt wie das Kaninchen auf die Schlange - aus bedrohlicher Nähe auf das Wühlen der Bagger auf "Europas größter Baustelle" starrt.Nicht ganz im Sinne des als Fotografen eher menschenscheuen Paris dürften auch Barthels ebenso unruhige wie aufdringliche Späherblicke in die Gesichter von Paris und seiner Freunde sein.Nur wenn er den innerlich Einsamen auf seinen rastlosen Wanderungen über Brachflächen der Stadt begleitet, entsteht so etwas wie eine dokumentare, unaufdringliche und gerade darum einprägsame Stimmung, der die Bluesmusik des Posaunisten Konrad Bauer gut entspricht.

Zurückhaltung ist Helga Reidemeister nur Mittel zum Zweck.Ihre Fragen insistieren, bis die passende Antwort erscheint: "Fühltest du dich früher weniger fremdbestimmt als heute?".Wenn sie kann, hilft sie nach, den Frust überdeutlich werden zu lassen.Die Krise des Fotografen, der schon seit langem an einer Theke der Hackeschen Höfe sein Geld verdient, muß als Beweis für die schlechte Gegenwart herhalten, hinter der die realsozialistische Vergangenheit rosafarben aufleuchten darf.Alle derzeitigen Existenznöte wären viel bedrohlicher, als je eine Maßnahme der Stasi hätte ausfallen können, erfährt man.Mit neunzehn sprayte Paris den Spruch "20 Jahre Mauer - wir werden langsam sauer" an den "antifaschistischen Schutzwall" und kam dafür prompt hinter Gitter.Aber daran will der Film, will vielleicht Paris selbst nicht mehr erinnern.

Die Regisseurin begleitet den Mittdreißiger schließlich nach Indien, wo sie zuschaut, wie er das Zerlegen verrosteter Hochseeschiffe ablichtet und die Arbeiter zum Fototermin bittet.Freundlich lächeln sie in die Kamera.Muß jemand darum so weit reisen? An dieser Bruchstelle des Films fällt der beredeten Regisseurin keine einzige Frage ein.Erst, als Paris wieder im heimischen Küchenherd das Feuer entzündet und Lenin von der Wand grüßt, löst sich das Schweigen.Wir verstehen: Kein Licht aus dem Hintergrund, kein Trost aus dem Orient hat die seelische Leere erhellt.Der Fotograf sehnt sich nach einer leidenschaftlichen Liebe, die ihn ausfüllen würde.Oder ein Krieg müßte über Berlin hinweggehen, damit er wieder Lust zum Fotografieren bekommt.So viel heimliche Katastrophensehnsucht hätte man dem Bekümmerten nicht zugetraut, so viel schlimme Torheit nicht erwartet.Helga Reidemeister läßt den Satz unwidersprochen im Raum stehen.

Acud, Hackesche Höfe, Moviemento

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