Kultur : Keine Angst vor Rot, Gelb, Blau

Ulrich Clewing

Kann tonnenschwerer Stahl so leicht werden, dass man meint, er schwebt? Kann sich Architektur in Licht auflösen? Anders gefragt: Ist es möglich, mit Leuchtstoffröhren ein Gebäude zu bauen? Wer sich an die Aufregung erinnert, die vor zwanzig Jahren die Erwerbung von Barnett Newmans Gemälde „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?“ für die Nationalgalerie begleitete, weiß, dass der Bildtitel damals durchaus wörtlich zu verstehen war. Vor der Neoninstallation, mit der nun sein Landsmann Keith Sonnier Newmans Hauptwerk paraphrasiert (bis 16. 2., Foto: Christian Gahl/Katalog), braucht sich niemand mehr zu fürchten - obwohl sie geeignet ist, die Grundfeste der alltäglichen Wahrnehmung durcheinander zu bringen.

Sonnier hat für die Neue Nationalgalerie in Berlin eine Art Liniengerüst aus dünnen farbigen Neonröhren geschaffen. Dieses Gerüst betont die klare geometrische Struktur des Mies van der Rohe-Baus und bewirkt paradoxerweise im selben Moment das Gegenteil: Festes Material diffundiert, Tektonik verschwimmt und ergießt sich in einen nur vage bestimmten Raum, welcher so weit reicht wie eine Beleuchtung in dunkler Nacht. Das neue Haus, das so entsteht, kennt nur eine Grenze, und die ist keine: die Spiegelung. Dazu kommt die Farbperspektive. Es ist ein Naturgesetz, dass Blau dem Auge weiter entfernt erscheint als Gelb, Rot liegt irgendwo dazwischen. So ordnen sich die Dinge - in schönste Unordnung.

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