Kultur : Keine Angst vor Symmetrien

SANDRA LUZINA

"Welten und Gegenwelten" - ein doch sehr pompöser Titel wurde dem modernen Tanzabend übergestülpt, mit dem die Staatsoper nun die neue Ballettsaison einläutete.Das Programmheft schmückt sich mit alten Darstellungen des Planetensystems.Eine kopernikanische Wende ist aber nicht zu erwarten, obwohl die Berliner Ballettszene zur Zeit heftig durcheinandergewirbelt wird.Die Aussicht, sich bald unter dem Dach des neu zu gründenden BerlinBalletts vereint zu sehen, wirkt nicht unbedingt als Ansporn auf die drei Ballettensembles der Stadt - dabei gilt es, sich gute Ausgangspositionen für die Zwangsfusion zu verschaffen.Vier neue Ballettabende hat die Staatsoper für die neue Spielzeit angekündigt, die tänzerischen Aktivitäten Unter den Linden werden also verstärkt.

Seine Aufgabe sieht das Ballett der Staatsoper vornehmlich in der Klassikerpflege.Doch will man sich nicht nur auf klassisch-romantisches bis neoklassisches Ballett festlegen lassen, gelegentlich streut man Zeitgenössisches ins Programm.Doch da muß das Repertoire dringend aufgestockt werden.Der neue Ballettabend konnte nun mit einer Premiere aufwarten - "Fearful Symmetries" von Peter Martins -, bei den beiden anderen Choreographien handelt es sich um Wiederaufnahmen.Den Abend mit drei Henze-Choreographien aus der letzten Spielzeit überdauerte einzig die Choreographie "Labyrinth" von Mark Baldwin, mit dem eine weitere Zusammenarbeit geplant ist."Labyrinth" ist nicht nur Tanz pur, sondern auch "Arbeit am Mythos".Hier wird eine kunst- und zivilisationsgläubige Version der Minotaurussage dargeboten.Bettina Thiel tanzt die Ariadne als coole Schönheit, Torsten Händler gefällt als unheroischer Theseus.Wie Baldwin das Labyrinth aus Menschenleibern formt, ist wirkungsvoll, doch bei aller Ironie entgeht er der Gefahr eines altmodischen Symbolismus nicht.

"Steptext" von William Forsythe ist in einer Neueinstudierung zu sehen, mit diesem frühen Werk soll dem Publikum das Abc seines Tanzverständnisses nahegebracht werden.Die Zeichensysteme von Sprache und Bewegung werden kombiniert, die Choreographie ist genau das, was der Titel suggeriert: vertanzter Text, buchstabierte Bewegung.Forsythe arbeitet mit Unterbrechungen und Auslassungen sowohl im Tanz als auch in der Musik (Bachs Chaconne d-Moll).Aus isolierten Bewegungen entsteht eine neue Grammatik, die eine Neulektüre erzwingt.Überragend Steffi Scherzer in rotem Trikot, die die extremen Körper- und Raumspannungen eindrucksvoll verkörpert.In häufigem Partnerwechsel tanzt sie mit drei schwarzen Männern, Uwe Krotil, Ralf Stengel und Oliver Wulff.Die Pas de deux gleichen rabiaten Attacken.Forsythe will den Prozeß des Neubuchstabierens sichtbar machen.Der Tanz entsagt hier dem Schein der Mühe- und Schwerelosigkeit, der Furor des Fragmentierens wird verdeutlicht.Gelegentlich richten sich die Scheinwerfer ins Publikum, auf der Bühne herrscht meist nüchternes Arbeitslicht, jeglichem Bühnenillusionismus wird eine Absage erteilt.Allein davon fühlte sich ein Teil des Publikums offensichtlich provoziert.

Peter Martins war Principal Dancer des New York City Ballet, George Balanchine hat dem blonden Dänen einige Werke auf den Leib geschrieben.Seit 1990 ist Martins Künstlerischer Leiter der Compagnie, für die er mittlerweile mehr als 50 Ballette choreographiert hat.John Adams komponierte "Fearful Symmetries" für Sampler, Piano, Geigen, Saxophone, Englischhorn und Trombone.Der Titel der Komposition (und auch des Balletts) wurde einem Gedicht von Blake entlehnt und ist eigentlich eine Irreführung, denn Adams versteht sein Werk als Tribut an die kontrapunktische Musik.Und Peter Martins hat keine Angst vor Symmetrien, er hat seine Körper- und Raumarchitektur auf ein solides Fundament gestellt.Seine Choreographie ist eine Feier von Energie.Der Bühnenhintergrund färbt sich von Rot zu Blau, der Tanz folgt dem Tag- und Nachtrhythmus, wechselt von überbordender Aktivität zu meditativer Beruhigung.Doch alles bleibt harmonisiert und kontrolliert.In der schnellen Abfolge von Auftritten und Abgängen will er ein fortlaufendes Kontinuum von Bewegung suggerieren, doch daneben wird immer wieder Form ziseliert.Das Posing der Solistinnen Nadja Saidakova, Beatrice Knop und Nicole Siepert wirkt manchmal übertrieben und albern.Und obwohl der Tanz einen effektvollen drive entwickelt, wirkt er in seinen Repetitionen bisweilen einschläfernd.Nach den von Forsythe auferlegten Strapazen wird das Publikum mit einer populären Choreographie belohnt.

Der Abend lädt zum Vergleich ein: wie sehr die Tanz-Ästhetik Balanchines mittlerweile aufgebrochen wurde, läßt sich nur ahnen.Die Erkenntnis, daß Werke je nach Kontext eine Neu-Lektüre herausfordern, gilt auch für die Zusammenstellung dieses Abends - und da nimmt sich das neuerworbene Ballett "Fearful Symmetries" doch recht brav aus.

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