Kultur : Keine Chance für die Liebe

Hartmut Krug

Shakespeares "Troilus und Cressida" und eine Theaterfassung von Buñuels Film "Viridiana"Hartmut Krug

Die ersten Auftritte sind die besten. Aus der Tiefe des offenen Raumes stolziert der Krieger wie eine schöne Verheißung an die Rampe. Golden schimmert der Brustpanzer, schwarz glänzen die Stiefel, stolz blitzen die Augen zu tönenden Worten vom lang dauernden Krieg um Troja. Die Kämpfenden in Declan Donnellans Inszenierung von Shakespeares "Troilus und Cressida" am Wiener Burgtheater werden in leerer Schönheit ausgestellt. Obwohl der Krieg sie schrecklich verformt, suchen sie sich lange ihr eigenes Bild vom Krieg als edlem Männerstreit zu bewahren.

Im Akademietheater hebt sich der Vorhang zunächst nur einige Handbreit. Während ein Ave Maria erklingt, sehen wir nackte Füße in langer Reihe im Kreis gehen. Ein Tisch mit einer ebenso langen Reihe gefalteter Hände hebt sich vor dem Vorhang aus dem Dunkel, dazwischen Viridianas weiß umschnürter Kopf. Die Novizin erfährt, dass sie vor ihrem endgültigen Eintritt ins Kloster noch einmal zu ihrem Onkel in die Welt gerufen wird. Aus der sicheren Ordnung muss Viridiana in die geordnete Unsicherheit. Das Landgut des Onkels erscheint als hoher, fast leerer Raum, als ein Lebensraum, der sowohl hermetische Abgeschlossenheit atmet als auch die Menschen durch zahlreiche offene Türrahmen zur unablässigen gegenseitigen Beobachtung freigibt (Bühne: Achim Römer).

Gerade hatte der neue Burgtheaterdirektor Klaus Bachler in einer ersten Zwischenbilanz stolz von einem hohen Publikumszuspruch berichtet, da brachte es eine Premierenverschiebung mit sich, dass an einem Wochenende gleich zwei Premieren Möglichkeit auch zu künstlerischer Zwischenbilanz boten. Mit zwei Stücken, die nach den Möglichkeiten von Liebe und gelebter Nächstenliebe fragen. Der Befund könnte nicht niederschmetternder sein: für die Liebe wie für das Burgtheater.

Regisseur Declan Donnellan, der erst mit seinem "Cheekk by Jowl"-Theater in England ungespielte europäische Klassiker inszenierte, bevor er von 1989 bis 1997 Mit-Direktor am Royal National Theatre wurde, versucht in "Troilus und Cressida" die verlogene Romantik des Krieges zu entlarven, indem er sie ausgiebig vorführt. Hier glänzt alles unblutig und blutleer. Donnellan will die Rhetorik absichtsvoll hohl tönen lassen, die Schauspieler wirken dabei allerdings absichtslos. Die Griechen in Grau wie vor hundert Jahren, die Trojaner im preußischen Junkerblau mit roten Seitenstreifen, so streiten sie mit Worten um Sinn und Unsinn des Krieges. Doch wo Heinrich Heine "eine jauchzende Bitterkeit" heraushörte, da vernehmen wir im Burgtheater nur leeres Wortgetöse. Statt die blutige Farce zu spielen, werden nur lange Dialoge tönend gegeneinander und einzeln aufgesagt. Die Inszenierung kommt wie die Stellprobe einer Provinzbühne daher. Dabei erlaubte das dreistöckige hölzerne Bühnengerüst von Nick Ormerod durchaus simultanes Spiel. Doch jeder spielt und spricht hier für sich und seinen ganz persönlichen Manierismus in einem darstellerischen Horrorlkabinett (mit Michael König, Wolfgang Maria Bauer und Wolfgang Michael).

"Der Hauptheld ist ein Laps und die Heldin eine gewöhnliche Schürze": Heines Charakterisierung der Titelfiguren fügen Lukas Mino und Birgit Minichmayr wenig hinzu. Und der Kuppler Pandarus (im weißen Zuhälteranzug und mit schmaler Scharfzüngigkeit: Peter Mati¿c) belässt es nicht wie bei Shakespeare bei seinem Testament, sondern er erschießt sich. Und der Zuschauer versteht ihn völlig.

Auch Buñuel zeigt in seinem 1961 nach 24-jährigem Exil in Spanien gedrehten Film "Viridiana" ein Scheitern. "Jene alte erotische Träumerei", so Buñuel, vereine "die meisten der Themen, die mir am Herzen liegen und die mich besonders interessieren". Die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus in "Viridiana" ist dabei keine religiöse, sondern eine grundsätzliche. Buñuels Bemerkung: "Wenn es einen Gott gibt, soll mich auf der Stelle der Blitz treffen", ergänzt sich mit seiner Aussage: "Alles was nicht christlich ist, ist mir fremd. Ich bin weiter Katholik und Atheist. Gott sei Dank." Etwas wollen und es nicht können, etwas begehren und es nicht erlangen: Diese Spannung bestimmt die Figuren in "Viridiana" und deren Kampf mit lebensfremden, die Sehnsüchte der Menschen einschränkenden gesellschaftlichen Regeln.

Betonmischer contra Gebete

Dimiter Gottscheffs Theaterfassung wird nicht von Spannungen belebt, sondern von Eindeutigkeit erdrückt. Die flirrende, bildhafte Leichtigkeit des Films mit seinen schnellen, zwischen Innen- und Außensicht wechselnden Schnittfolgen ersetzt Gottscheff durch erdrückend direkte und schwerfällige szenische Metaphern.

Mit drei Stunden dauert der Theaterabend doppelt so lang wie der Film. Im ersten Teil, wenn Viridiana das erotische Begehren und den Heiratsantrag des Onkels abwehrt, zelebriert Gottscheff eine zäh lastende Bedrückung, als sei man schon Jahrzehnte bei Lorca in Bernarda Albas Haus. Im zweiten Teil, wenn nach dem Selbstmord des Onkels Viridiana mit der Beherbergung und Speisung von Armen die Explosion in die Gewalttätigkeit der bös-egoistischen Armen hinein derb-expressiv bis wild übersteigert.

Der Sohn des Onkels zerrt als aktiver Vertreter eines rationalen Prinzips dröhnende Betonmischer gegen Viridianas Gebete auf die Bühne, und bei der versuchten Vergewaltigung Viridianas durch einen Armen zitiert dieser auftrumpfend aus Heiner Müllers "Quartett". Auch Shakespeares Macbeth kommt zu anspielungsreichem Wort, und unsinnigerweise wird der Gutserbe als Viktor, der sich in Müllers "Auftrag" von der gescheiterten Revolution auf Jamaika zurückziehende Sklavenhalter-Erbe, angesprochen.

Gottscheff befrachtet das Stück einerseits mit grundsätzlichen Bedeutungsmetaphern über den Untergang einer Weltordnung und das Scheitern einer Utopie, beraubt es aber andererseits seiner wesentlichen Grundspannung: der erotischen. Wo die kühlsinnliche Blondine Silvia Pinal und der attraktive Aldo Ray dem Filmgeschehen eine geheimnisvolle eindeutige Mehrdeutigkeit geben, da zeigen der verdiente Burgschauspieler Martin Schwab und die sich in Viridiana als festes Ensemblemitglied vorstellende Annette Paulmann auf der Bühne nur Rollenträger. Frau Paulmann wirkt wie ein frisches, braves Landmädchen und steht auch sonst vornehmlich neben ihrer Rolle, während der stille Herr Schwab als Onkel wie abwesend von einem anderen Stück zu träumen scheint. Während dem Besucher von zwei dramaturgisch wie darstellerisch gründlich misslungenen Wiener Inszenierungen nur bleibt, von einem anderen Theater zu träumen.

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