Kultur : Keine Einheit im Glauben - Von René Rémond

Tillman Bendikowski

Manchmal wirkt Europa erschreckend rückständig: Wenn in Nordirland beispielsweise ein Katholik ermordet wird, nur weil er Katholik ist oder wenn auf dem Balkan orthodoxe Serben, katholische Kroaten und moslemische Bosniaken manchen politischen Widersinn mit religiösen Differenzen erklären wollen. Was dergestalt in unserer Gegenwart sichtbar wird, sind Spuren der historischen Verknüpfung von Religion und Nationalität. Solchen Aspekten geht der französische Historiker René Rémond in seinem neuen Buch nach.

Über Jahrhunderte hinweg besaß die Religion in Europa eine einzigartige Position; um sie kreisten die philosophischen Debatten und politischen Kontroversen der Zeit. "In bestimmten Augenblicken des europäischen Kontinents", so Rémond, "kam ihrem Einfluss fast nichts gleich". Doch die Trennung von west-römischer und ost-römischer Kirche und schließlich die Reformation beendeten die bestehende europäische Einheit des Glaubens. Das Christentum spaltete sich in rivalisierende Konfessionen auf, von denen jede als Hüterin der wahren Lehre auftrat. So entstanden höchst unterschiedliche "religiöse Zonen": eine katholische, eine protestantische , eine orthodoxe und eine islamische; ungleich verteilt über den Kontinent waren zudem die Juden.

Den entscheidenden Einschnitt für alle Fragen von Religion und Gesellschaft bedeutete schließlich die Französische Revolution. Auf die "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" von 1789 geht unter anderem die Neuerung zurück, dass von nun an die konfessionelle Zugehörigkeit nicht mehr automatisch über die individuellen Rechte und die Staatsangehörigkeit der Menschen entschied. Zugleich gaben die Ereignisse in Frankreich mit dem Ziel der Trennung von Kirche und Staat die entscheidenden Impulse für den langen Prozess der Säkularisation.

Streit über Kirchenglocken

Diese Säkularisation war von Konflikten auf allen Ebenen begleitet, Rémond erinnert auch an die zahllosen alltäglichen Konflikte in den Städten und Dörfern: Gestritten wurde über das Läuten der Kirchenglocken oder über den Weg von Prozessionen. "Mehr noch als in parlamentarischen Debatten oder Pressekampagnen lebten die Gefechte um die Säkularisation in diesen Zänkereien vor Ort und in unendlichen Prozessen vor Verwaltungsgerichten." Diese Einschätzung hätte der Autor anhand der konfessionellen "Mischehen" illustrieren können, in denen Eltern und Kinder erfuhren, wie religiöse und kirchliche Zwänge den Menschen zuweilen das Leben zur Hölle machten.

In einem Ausblick weist Rémond zu Recht darauf hin, dass in unserer Gegenwart durchaus wieder alte Probleme von Religion und Gesellschaft auftauchen, beispielsweise die Frage des Kirchenbesitzes. Die Forderung nach Rückgabe oder nach Entschädigung war eigentlich eine wichtige kirchliche Forderung des 19. Jahrhundert, seit 1989 ist sie allerdings in Osteuropa aktuell wie selten zuvor. Aber auch neue Fragen kommen hinzu: Rémond erinnert an die wachsende Zahl moslemischer Europäer und damit an die wichtige Frage, "ob sich der Laizismus in der Form, wie er sich in den vergangenen zweihundert Jahren auf unserem Kontinent herausgebildet hat, mit dem Islam verträgt".

Für deutsche Leser ist das Buch von besonderem Interesse. Denn die Geschichtsforschung leidet noch immer unter den Folgen ihrer jahrelangen Ignoranz gegenüber religiösen und konfessionellen Fragen, die fast vollständig der traditionellen Kirchengeschichtsschreibung überlassen wurden; erst allmählich füllt sich diese Forschungslücke. Dies ist umso wichtiger, weil das Verhältnis von Religion und Gesellschaft Europa auch in Zukunft leidenschaftlich beschäftigen wird.René Rémond: Religion und Gesellschaft in Europa. Von 1789 bis zur Gegenwart. CH. Beck, München 2000. 304 Seiten. 58 DM.

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