Kultur : Keine gute Botschaft Kraftort Alpen

Die katholische Kirche bekommt in der Krise viel Rat – doch der ist äußerst unterschiedlich.

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Noch mit 70 stieg die Großmutter von Christian Neureuther auf die Dreitorspitze im Wettersteingebirge, mit Goethe im Gepäck. Jetzt haben der ehemalige Skirennläufer, seine Frau Rosi Mittermaier und die Fotografin Barbara Maurer eine Liebeserklärung an ihre Alpen veröffentlicht: Traumhafte Bilder vom Königsee, vom Trümmelbach im Berner Oberland, von der Seiser Alm, den Schneelandschaften in Zermatt oder der kleinen einsamen Kapelle in Karthaus im Südtiroler Schnalstal (links).
Noch mit 70 stieg die Großmutter von Christian Neureuther auf die Dreitorspitze im Wettersteingebirge, mit Goethe im Gepäck. Jetzt...

Die katholische Kirche möchte den Menschen beistehen, sie begleiten mit Rat und Tat. Im Moment wird aber vor allem sie selbst beraten. Täglich prasseln aus Kommentarspalten, Talkshows und Internetforen Weisheiten auf Priester, Bischöfe und Papst herab. Auf wissenschaftlichen Konferenzen tauschen Theologen, Soziologen und Historiker ihre Empfehlungen aus. Und auf dem Buchmarkt bilden Ratgeber für die Kirche mittlerweile eine eigene Gattung.

Der aktuelle Anlass für die Aufregung ist der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst; der eigentliche Grund die tiefe Vertrauenskrise der katholischen Kirche. Diese Krise hat lange vor 2010 begonnen, doch als damals bekannt wurde, wie viele Priester sich an Kindern und Jugendlichen vergriffen haben, verloren viele Menschen den letzten Rest an Vertrauen. Ohne Vertrauen kann die Kirche den Menschen jedoch nichts mehr nahebringen.

Thomas von Mitschke-Collande rät zur grundlegenden Erneuerung. Das Bild von der Kirche als Pyramide mit dem Papst an der Spitze, den geistlichen Würdenträgern darunter und weit unten das Kirchenvolk müsse mental umgedreht werden, schreibt er in „Schafft sich die Kirche ab?“. Mitschke-Collande ist engagierter Katholik und war Direktor bei McKinsey. In dieser Funktion hat er die Bischofskonferenz und das Berliner Erzbistum beraten. Die vielen Statistiken, mit denen er seine These vom Niedergang der Kirche unterfüttert, sind nicht neu, in der Zusammenschau ergeben sie aber ein dramatisches Bild.

„Wie kommt es, dass die Kirche, deren Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe handelt, mit so vielen Liebeserfahrungen auf Kriegsfuß steht?“, fragt Jesuitenpater Klaus Mertes in seinem klugen Buch – und zählt auf: Priester verweigern Eltern die Kommunion am Erstkommuniontag ihrer Kinder, weil ihre Biografie kirchenrechtlich noch nicht aufgearbeitet ist, schwangere Schülerinnen fliegen von der katholischen Schule, schwule und lesbische Paare gelten als Sünder, da können die Partner noch so liebevoll, verantwortungsvoll und treu miteinander umgehen. Mertes war 2010 Rektor des Berliner Canisius-Kollegs und machte öffentlich, dass in der Schule Jesuitenpatres Jugendliche sexuell missbraucht haben. Aus den Gesprächen mit den Opfern hat der Jesuit viel gelernt über die Herzlosigkeit und Taubheit der Institution Kirche, über autoritäre Strukturen und „institutionellen Narzissmus“. Sein Rat: Lasst uns das Schweigen brechen, mit Doppelmoral aufhören und zum Maßstab das Evangelium nehmen und nicht so sehr die kirchliche Tradition. Man müsse nur genau hinhören, was die Menschen zu erzählen haben, vor allem die Schwachen und an den Rand Gedrängten. Mertes plädiert für eine neue Sexualethik, die sich vom „Nächstenliebeprinzip“ und nicht vom kirchlichen Dogma leiten lässt: „Es geht um die Würde des anderen. Ich kann nur erwarten, dass ich für einen anderen eine vorrangige Bedeutung habe, wenn ich bereit bin, die vorrangige Bedeutung eines anderen für mich anzuerkennen und die Beziehung zu ihm oder zu ihr danach auszurichten, gerade auch in der intimen, schutzbedürftigen Begegnung.“ Auch müsse Schluss sein mit Homophobie und Frauenfeindlichkeit.

Anders als Mertes suchen Manfred Lütz und Kurienkardinal Paul Josef Cordes in ihrer Streitschrift zur „Entweltlichung“ nicht nach einer neuen theologischen Fundierung im Licht des Evangeliums und der heutigen Zeit. Sie wollen an der Lehre festhalten, wie sie ist, und das Image der Kirche polieren. Lütz ist Theologe und Psychiater und leitet das katholische Alexianer-Krankenhaus in Köln. Er weiß, wie schwer es ist, gute Pfleger, Ärzte und Verwaltungsfachleute zu finden, die auch noch fromm sind und kirchengemäß leben. Aber wenn sich ein Krankenhaus katholisch nennt und es arbeiten dort laue Christen oder gar Atheisten, leide die Glaubwürdigkeit der Kirche. „Katholische Kindergärten machen nur Sinn, wenn es katholische Kindergärtnerinnen gibt, die mit den Kindern das Vaterunser wirklich beten und es nicht bloß aufsagen können“, schreibt Lütz. Er hat einen radikalen Rat: Nur noch die Einrichtungen mit hundertprozentig katholischen Mitarbeitern sollen sich katholisch nennen dürfen. Die anderen könnten sich den Zusatz „aus katholischer Tradition“ geben. Was Lütz vorschwebt, ist der Rückzug der Kirche in die heilige Nische der Frommen. Dass sich auch in der Nische ethische Konflikte ergeben, ist ihm bewusst. Denn eine solche Einrichtung müsste eine vergewaltigte Frau, die nach der „Pille danach“ fragt, erst recht abweisen – mit dem Hinweis auf die katholische Identität des Hauses. Die Atmosphäre wäre „offener und kalkulierbarer“, hofft Lütz. Doch damit verlagert er das Problem nur.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck macht es sich da wesentlich schwerer. In dem Band „Wie kurieren wir die Kirche?“ denkt er über die gewandelte Rolle des Priesters und die Abschaffung des Pflichtzölibats nach. Denn auch am Zölibat entscheidet sich für viele Kritiker die Glaubwürdigkeit der Kirche. Es ist kein Geheimnis, dass viele Priester mit der Enthaltsamkeit nicht klarkommen. „Wir brauchen glaubwürdige Priester“, sagt Overbeck. Fest steht für ihn auch: „Ein Doppelleben ist unzumutbar.“

Joachim Frank hat für dieses Interviewbuch Katholiken und auch ein paar Nicht-Katholiken in unterschiedlichen Arbeits- und Lebenszusammenhängen und auf verschiedenen Kontinenten befragt. So ist ein wohltuend vielschichtiges Bild entstanden. Da ist die erste Leiterin eines Seelsorgeamtes in Österreich, die es nicht mehr hören kann, dass Jesus angeblich nur Männer zu Aposteln berufen hat. Sie versucht, Pfarrern und Bischöfen klarzumachen, dass sie auf die Bedürfnisse von Frauen hören sollten, wenn sie gesellschaftlich nicht abgehängt werden wollen. Da ist der brasilianische Bischof, der sagt: „Fortschritte macht die Kirche, wo die Laien vorn sind.“ Es kommen Theologen, Sozialarbeiter und Ordensleute zu Wort, Navid Kermani und Annette Schavan. Dabei erscheint die Kirche in Deutschland als traditionelle, konservative, verbürgerlichte und autoritätsbezogene Organisation. Alle Befragten sind sich einig: Glaubwürdig wird die Kirche erst, wenn sie die Menschen mit all ihrem Scheitern und ihren Brüchen in den Mittelpunkt stellt und sich nicht an der allzu rigorosen, lebensfernen Lehre festklammert. Eine Nonne, die weiß, dass sie bald sterben muss, hat noch einen anderen Rat: lernen loszulassen. Statt, wie ihre Kirche, zu versuchen, das Bestehende zu bewahren.

Thomas von Mitschke-Collande: Schafft sich die katholische Kirche ab? Kösel Verlag, München 2012. 256 Seiten, 19,99 Euro.

Klaus Mertes: Verlorenes Vertrauen. Katholisch sein in der Krise. Herder Verlag, Freiburg 2013. 223 Seiten, 19,99 Euro.

Paul Josef Cordes, Manfred Lütz: Benedikts Vermächtnis und Franziskus’ Auftrag. Entweltlichung. Eine Streitschrift. Herder Verlag, Freiburg 2013. 160 Seiten, 14,99 Euro.

Joachim Frank, Alfred Neven Dumont: Wie kurieren wir die Kirche? Katholisch sein im 21. Jahrhundert. Dumont, Köln 2013. 299 Seiten, 19,99 Euro.

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