Kultur : Keine Hoffnung, nirgends

Hartmut Krug

Mal wieder erklingt das jedem gelernten DDR-Bürger und Nachwende-Besucher in ostdeutschen Theaterlanden vertraute Lied "Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer". Doch die zur Heimat gehörenden Tiere und Menschen schweben bei Kresnik als Mutanten mit deformierten Köpfen am rotglühenden Himmel über den auf die Bühne des Dresdner Staatsschauspiels gestapelten riesigen Containern. Ein Ort, weniger Umschlagplatz der Waren als der Leidenschaften und Ideologien.

Johann Kresnik hat zwei Stücke von Hans Henny Jahnn zu einem Projekt verknüpft: und so putzt der Neger James aus der "Straßenecke" (1931 entstanden, von den Nazis verboten, 1965 von Claus Peymann in Erlangen uraufgeführt) auf der Bühne mit einer Deutschlandfahne die Container der politischen Funktionäre, Gentechnologen und Atompysiker aus Jahnns "Trümmer des Gewissens" (geschrieben 1959, uraufgeführt 1961 von Erwin Piscator in Frankfurt/Main).

Jahnns wütendes Antiatomstück und sein wüstes Drama vom Passionsweg eines unschuldigen Negers handeln auch von der Ausbeutung und Zerstörung fremder Länder und Menschen. Im hellsichtig-redseligen "Trümmer des Gewissens" sollen neue Waffen und neue Menschen gebaut werden. Ein atomarer Präventivkrieg scheint dabei selbstverständliches Machtmittel. Nach der Ausrottung eines Indianerstammes bleibt nur der erotisch und zur Forschung missbrauchte Tiripa übrig, den Simona Furlani als entstelltes Wesen auf Stöckelschuh und Schnürstiefel stolpertanzt. Herum flattern riesige, genmanipulierte Libellen - die hier eher aus dem Weihnachtsmärchen zu kommen scheinen.

Bei Jahnn geht es immer auch um Liebe. Um die Liebe des strahlenverseuchten Sohnes des Wissenschaftlers zu seinem starken Freund, der zugleich von einer Frau Lucie umworben wird. Um die Liebe von Männern und Frauen zu James, die vergeblich versuchen, ihn mit Mehl weiß zu machen. Die erotische Spannung in Jahnns Texten übersetzt Kresnik in heftige körperliche Aktivitäten. Man besteigt und bespringt sich unentwegt, jede Brust wird entblößt und jedes Gesicht eingeschmiert. Doch keine Hoffnung, nirgends: die Frau des Wissenschaftlers treibt aus Strahlenangst ab - bei Kresnik haut sie sich mit dem Beil die Leibesfrucht blutig heraus und ihr Mann schneidet sich von der Nabelschnur Knabberbrocken ab.

Der personifizierte Tod ist eine Erfindung von Kresnik und kommt als ältere Dame daher, die an Hundeleinen Gestelle mit zappelnden Ratten mit sich führt. Doch was erschrecken soll, wirkt nur allerliebst. Wie auch bei der schwangeren Freundin von James, bei der die weißen Ratten menetekelartig im dicken (Plastikkugel-)Bauch wimmeln. Kresnik schont nicht Menschen und Maschinen: Er lässt riesige Kuhkadaver aus einem Container auf die Bühne fliegen. Er blendet (überflüssige) Filmaufnahmen aus Dresden ein oder lässt die Bühnenaktionen live filmen.

Und die Darsteller, darunter viele Schauspielstudenten, sind in ständiger Bewegung. Sie lärmen und zappeln, toben und tollen, stäuben mit Mehl, spritzen mit Wasser und schmieren mit Farbe. Nur dem dunkelhäutigen Falilou Seck gelingt es, mit der Figur des Neger auch einen Menschen zu zeigen.

Der permanente Erregungszustand dieser Inszenierung, deren politisch-emotionaler Furor mehr überzeugt als die Bedeutungsbilder von Kresniks auftrumpfend klotzendem Körpertheater, ist merklich höher als der des Dresdener Publikums. Das reagiert auf die ihm unbekannte Theaterform statt mit Empörung oder Betroffenheit eher mit amüsiert-wohlwollender Neugier. Wenn die Wissenschaftler, die sich in die Straßenecken-Handlung hinein als gewalttätige Barbaren mit Baseballschlägern entwickelt haben, den gekreuzigten, gelynchten James in einen metallenen Sarg eingeschweißt haben, zünden sie diesen auch noch an. Und die Flamme am Schluss leuchtet als Fanal in der Dunkelheit.

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