Kultur : Keine Leisetreter

REINER SCHWEINFURTH

Da bahnt sich ein Welterfolg an.Der Gitarrist und Kopf von Garbage, Butch Vig, weiß, wie das geht.Immerhin hat er Nirvana produziert, den Smashing Pumpkins in den Sattel geholfen, und auch Sonic Youth oder U2 kamen in den Genuß seiner Kalkulatorik.Seit fünfzehn Jahren sitzen er und seine Bandkollegen Steve Marker (Baß) und Duke Erikson (Gitarre und Keyboards) in den Smart Studios am Ende der Welt in Wisconsin und widerlegen, daß die dicken Bretter nur in den Metropolen gebohrt werden.

Entsprechend durchdacht kommt ihre Live-Präsentation daher.Mit Shirley Manson entdeckten sie auf MTV eine Frontfrau, die als Volltreffer in das Konzept paßt.Beim Auftritt entfaltet sie ein stimmliches Potential, das sie überdies mit Souveränität und Coolness ausstellt.Die Musik ist hart, Grunge mit elektronischem Schliff und manchmal sogar ein paar Hardcore-Ausreißer zeigen an, daß Garbage keine Leisetreter sind.Nur hat das nicht mehr den unverbrauchten Charme und die Hemmungslosigkeit der Jugend.So verbittet sich die Sängerin jede blöde Anmache durch fliegende Bierbecher.Als sie dann noch meint, die Deutschen würden ja mit Vorliebe den Engländern in den Hintern treten, ist für Momente Schluß mit lustig.Aber der Karrierefeldzug läuft.Shirley Manson freut sich schon auf Paris, wo sie am liebsten immer bliebe.So kann man auch mit Komplimenten für das anwesende Publikum geizen.

Trotzdem ist die Performance von Garbage eine runde Sache.Das liegt vor allem an einer idealen technischen Lösung der Bühnenprobleme.Die Musiker benötigen keine Monitorboxen, um sich zu hören.Die Kontrolle besorgt der Empfänger im Ohr.Und eine selten anzutreffende Soundfinesse, die so dezent mit Samples umgeht, daß sich im lauten Pop viele Bands eine Scheibe abschneiden können.

Die Elektronik gibt tatsächlich nur einen Sicherheitsgurt ab, ohne den der komplex getunte Gitarrenmotor aus der Kurve segeln würde.Der mobilisiert immer noch genug Geschwindigkeit und entführt das Publikum gelegentlich sogar in liebenswerte Melodiengefilde.Die Grenze zur Schnulze wird dabei durchaus überschritten.Aber wie sollte man wohl sonst aus der Independent-Idylle geraten sein?

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