Kultur : Keine Liebe ist auch keine Lösung

Seine Filme sind promiskuitiv: Rosa von Praunheim wird 60. Ein Glückwunsch

Peter W. Jansen

Von Peter W. Jansen

„Rosa, Rosa, Rosa", sagte ich, „mach es eine Nummer kleiner! Was sollen denn meine Frau, meine Freundin und meine weiblichen Fans von mir denken!" Da hatte er mich schon abgeküsst, mitten im Trubel der Hofer Filmtage. Ich hatte ihm gesagt, dass ich seine schwangeren Kühe gesehen hatte und kein bisschen Nebel. Das hatte genügt. Ein paar Jahre zuvor, auch damals in Hof, hatte er zugunsten der Aids-Hilfe seinen Hausmüll versteigert, Bilder, Briefe, Skizzen, Videokassetten. Als ich mit dem Gutschein für „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er leben muss" zu ihm kam, holte er die Videokassette vom Gabentisch und zeichnete, als Widmung, mit Stift und flinker Hand einen tropfenden Ständer auf die Hülle. Auch damals schon konnte ich ihn nicht davon abhalten, mich abzuküssen. Jetzt zog er eine VHS aus seinem Rucksack, „Pfui Rosa", aber diesmal bekam ich keine Widmung. Vielleicht weil ich das mit den Frauen gesagt hatte. Andererseits hat er es nicht nötig, eifersüchtig zu sein. So lange, wie ich ihm schon „verbunden“ bin.

Am Anfang saß er auf dem Schoß von Werner Schroeter, oder Schroeter auf seinem, wer weiß das noch. In Mannheim war das, bei der Filmwoche 1969, und gezeigt hatten sie „Schwestern der Revolution". Da und in dem Doppelfilm „Rosa Arbeiter auf Goldener Straße" war noch seine damalige Frau Carla Aulaulu, ein deutscher Mae-West-Verschnitt, im Spiel. Angefangen hatte dieses reine Szenen-Kino mit dem (kurzen) Erstling „Von Rosa von Praunheim", mit dem der in Riga geborene Holger Mischwitzky, so hieß er tatsächlich mal, sich zu einem proletarischen Vorort von Frankfurt am Main ebenso bekannte wie zur Absicht, sein eigener Erich von Stroheim zu werden. Wie kein anderer hat der Selbstdarsteller (lange vor Schlingensief) seinen Körper und alles, was damit zusammenhängt, vorgeführt. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, machte Praunheim berühmt-berüchtigt, und in der ARD riskierte Reinhard Münchenhagen einen mittleren Medienskandal, als er Rosa & die Seinen live für das Outing demonstrieren ließ.

Zeiten waren das, in denen Rosas Filme Schlag auf Schlag folgten, da entdeckte er die Christopher Street und die Christopher Street den deutschen Genossen, da lebte und drehte er vor allem in New York. In „Underground and Emigrants“ hatte er auch Andy Warhol, William S.Burroughs und Divine vor der Kamera. Und die ersten Aids-Opfer und die Leidtragenden als Folgeopfer. Rosas linker Kram war immer „armes Kino“, so einfach wie möglichst billig, natürlich kaum mal auf künstlichem Set, sondern hauptsächlich in der Konstanzer Straße, in seiner durch Partys und Meetings berlinberühmten Wohnung gedreht, und gegen alle Regel von Filmgrammatik und Seh-Sucht. Er machte aus dem „Dilettantismus“ ein ästhetisches Regelwerk, und verstand es glücklicher als andere, nicht der Verführung des Besserkönnens, der Perfektion zu erliegen. Der Inhalt war immer wichtiger als die Form, wenn die nur die Botschaft rüberbrachte. Die war stets militant, manche meinten aggressiv.

Noch einmal konnten wir, drei, vier Leute, zusammen mit ihm alles sehen, in Berlin war das, an drei oder vier Tagen im Juli 83. Ein riskantes Unternehmen so eine „Werkschau“, weil unproduktive Wiederholungen sichtbar werden können, oder weil ein Film den anderen zuschanden machen kann. Nichts davon bei Rosa. Seine Filme sind promiskuitiv. Damals, so lange ist das schon her, erzählte er von seiner Angst vor der Infektion und seinen Vorkehrungen, und wie er damit anfing, sich für Vorsicht, Verantwortung, Verhütung einzusetzen. Da hatte seine Filmarbeit ein neues Ziel. Im Mittelpunkt stets das Leben, die Liebe, die Sexualität, fand er immer wieder, weil die Welt sich ändert und doch die gleiche bleibt, eher neue als andere Themen, Stoffe, Probleme, Menschen in seiner „Armee der Liebenden“, Anita Berben oder Tally Brown, den „Einstein des Sex“ Magnus Hirschfeld oder Charlotte von Mahlsdorf („Ich bin meine eigene Frau“). Und Frauen fand er. Er hat sie, wie seine Mutter, immer geliebt. Von Marianne Rosenberg, der Schlagerdiva, die ein Kurzfilm porträtierte, bis zu seinen mütterlichen Musen Lotti Huber und Evelyn Künneke, mit der er Verlobung gelobte. Für „Unsere Leichen leben noch“, ein kämpferisches Pamphlet für die Lust des Alters, dekorierte er seine Wohnung um, in der die Mitspielerinnen während der Dreharbeiten ihre individuellen Zimmer hatten, zum Wohnen. Für den Künneke-Film „Ich bin ein Anti-Star“ machte er die Wohnung der Gespielin zum Set und ihr Leben zum Thema eines Mutmacherfilms. Wer soviel dreiste Tapferkeit vermittelt, muss selber tollkühn sein.

Das Private öffentlich zu machen, das war immer die Strategie hinter der Selbstdarstellung. Man hat ihn angefeindet oder bewundert, bekämpft oder solidarisch unterstützt, aus welchem sexuellen Lager auch immer, aber – zum Glück für ihn – nie im traditionellen Sinn „respektiert“. Ohne ihn – und Magnus Hirschfeld (und Wilhelm Reich), die „Vorläufer“ – hätten die Berliner heute wohl kaum ihren derzeitigen Regierenden Bürgermeister. Ohne ihn wüssten wir freilich auch kaum, dass schwul und schwul nicht dasselbe ist, sondern dass die Homos unendlich viel differenzierter sind als die Normalos. Dass sie dem Reichtum des Daseins näher sind. So wenig man sich vorstellen kann, dass Rosa einen Loden-Hetero wählen würde, so skeptisch begegnet er dem Etikett liberal. Nein, nicht Rosa ist pervers. Und das ist gut so.

Als er fünfzig wurde und einen wahrlich winzigen runden Bauch bekam, bekam er es mit der Angst. Für Homosexuelle ist der Jugendkult zehnmal bedrohlicher als für Heteros. Alte Schwule sind selbst für Schwule, wusste er, degoutant. Auch das ist in der Welt, die sich nicht verändert, anders geworden. In den letzten zehn Jahren. So kann er jetzt getrost sechzig werden. Wozu er selbst beigetragen hat. Chapeau.

Das Kant-Kino feiert Rosa von Praunheim mit einer Filmreihe zu seinem 60. Geburtstag, Sonntag ab 11 Uhr. Gezeigt werden 11 Praunheim-Filme, an das Porträt „Pfui Rosa“ (22 Uhr) schließt sich eine Party an.

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