Kultur : Keine Oliven. keine Cracker

LESUNG

Stephan Schlak

Um Fritz J. Raddatz ist immer großes Theater. Über die „Mutter Courage“ mit der Weigel schrieb er eine seiner ersten Kritiken; am 17. Juni 1953 beobachtete er, wie Brecht mit Arbeitern über Normenpläne diskutierte. Vom revoltierenden Geist der Stunde wurde der „dürre kleine“ Theatermacher beiseite gedrängt. „Nun laß man, Männeken, du hast ja von nüscht keine Ahnung nich“. Raddatz dagegen ließ sich nicht mehr aus dem Bild drängen. Nun las er im Foyer des Berliner Ensemble aus seinen „Unruhestifter“-Erinnerungen. Gegen den Geschichtssinn der neuen Zeit hatte das evakuierte Kriegskind sich im Spätherbst 1944 in den Zug gesetzt. Mit ungewaschenen Trainingshosen und verfilzten Haaren stand er 1945 in den Runinen der Reichshauptstadt. Raddatz, bei dem heute das Einstecktuch mit der gelben Socke korrespondiert, hat sich sein Dandy-Leben erarbeiten müssen.

Irgenwann in den Fünfzigern ist Raddatz „unter die Westdeutschen gekommen.“ Als „Zugabe“ las er aus einem mondänen Kapitel seines Lebens. Am Gängelband der schwerreichen Gabriele Henkel, einer Großfürstin des rheinischen Kapitalismus, hetzte er in den späten Achtzigern durch die New Yorker Glamourwelt. Raddatz macht aus der Episode mit seiner Aushalterin ein hübsches kleines Intellektuellendrama. Was passiert, wenn der Feingeist unter die Milliardäre fällt? Auf einem sterilen Cocktail-Empfang bei Ann Getty in der 820 Fifth Avenue – „keine Oliven, kein Cracker, nichts“ – steuert Henry Kissinger auf ihn zu. „Sie sind der Mann, der den Trouble in der ,Zeit’ hatte ...“

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