Kultur : Keine Ruhe bis zum Schluss

Leben auf der Überholspur: zum 100. Geburtstag von Klaus Mann

Thomas Wild

Drei Striche, hinter die es kein Zurück gibt. Sie markieren die Zäsur im Leben und Schreiben Klaus Manns. Drei Striche im Tagebuch, mit schwarzer Tinte quer über die Seite. „Ich verließ Deutschland am 13. März 1933“, berichtet später die Autobiografie; eine Zeile, die als eigener Absatz steht. Drei Striche und dann: „Beginn der Emigration“, dazu das Datum „14.III. Paris, Hotel Jacob“. In Hotels hatte der 27-Jährige sich schon oft aufgehalten – freiwillig, am ausgiebigsten auf der Weltreise mit seiner Schwester Erika, beschrieben im gemeinsamen Bericht „Rundherum“ (1929). Vier Jahre später war der Nichtort zum Lebensmittelpunkt geworden. „O Heimat von drei, vier Tagen, sechs Wochen, zweieinhalb Monaten“, pries und verdammte ihn Klaus Mann in dem Gedicht „Mein zwölfhundertstes Hotelzimmer“: „es waren zwölfhundert Abschiede“.

Der Abschied ist „die Realität unseres Lebens“, resümiert eine Hauptfigur im Emigranten-Roman „Der Vulkan“ (1939). Es ist, neben dem Schlüssel- und Skandalroman „Mephisto“ (1936) um die Karriere des Schauspielers Hendrik Höfgen (alias Gustaf Gründgens) und der Autobiografie „Der Wendepunkt“ (engl. 1942; dt. 1952) Klaus Manns bekanntestes Buch. Was dieses Panoramabild der Heimatlosen in der Epoche von Verfolgung, Krieg und Vernichtung ausmacht, ist seine 600 Seiten andauernde Stimmung von ins Stocken geratener Zeit. Inmitten der ruhelosen Weltlage sind die Figuren, fast alle Emigranten, zum Erdulden und Warten verurteilt. Die Selbstmörder, die Drogentoten, die Gefallenen des Romans, sie alle lassen Liebende zurück.

Klaus Mann auf den Exilschriftsteller zu reduzieren, wäre freilich ebenso verfehlt wie die Einengung auf andere Rollenbilder, die seine Rezeption als Autor und Intellektueller seit jeher prägen – und verstellen: der Sohn, der Widerpart des übergroßen Vaters Thomas Mann, der Homosexuelle, der Drogensüchtige, der Generationenreporter. Es gehört zur Gestalt dieses Autors, dass er nicht einer, sondern viele war. Die Geschwindigkeit seines Lebens, dem er im Alter von 42 Jahren mit einer Überdosis Schlaftabletten ein Ende setzte, war immens: „Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss.“

Der Satz formuliert implizit eine Poetik. Denn zeitgleich mit seinen literarischen Arbeiten verfasste Klaus Mann in eminenter Produktivität Artikel, Essays, Vorträge, führte Korrespondenz, schrieb Tagebuch (diese sind der Forschung seit kurzem nun komplett zugänglich). Eine wenig beachtete Vielstimmigkeit, die zusammen gehört werden muss, um den besonderen Ton Klaus Manns zu erfassen. Ähnlich wie die Kunst der Fuge leben Bücher wie „Mephisto“, „Vulkan“ oder „Wendepunkt“ vom variantenreichen Miteinander verschiedener Temperamente. Im Fluchtpunkt der literarischimaginativen, kritisch-polemischen, journalistisch-berichtenden Begabungen Klaus Manns entstehen dabei meist Porträts. Scharfsinnige Vexierbilder von Personen in ihren Konflikten, in ihrer Zeit: vom Vater „Zauberer“ über Gefährten und Gegner des heimatlosen Lebens im Exil bis hin zu literarischen Leitfiguren wie André Gide. „Niemand, nichts ist zusammenhangslos“, heißt es im Prolog der Autobiografie, deren Auftakt als Brief an Freunde konzipiert war, wie man in der Neuausgabe des „Wendepunktes“ (mit unveröffentlichten Varianten und Entwürfen) nachlesen kann.

Klaus Manns Schreiben ist an ein Gegenüber gerichtet. Hierin liegt eine menschliche und zugleich politische Geste. Sie reagiert auf die Vernichtung menschlicher Bindungen durch den Totalitarismus der Nazis. Immer wieder fragen Klaus Manns Texte: Warum wandten sich plötzlich die Menschen von uns ab, die sich gestern noch unsere Freunde nannten? Er selbst gründete im Exil Zeitschriften wie „Die Sammlung“ oder „Decision“, gab Anthologien wie „The Other Germany“ oder „The Heart of Europe“ heraus. Sein Talent, Verbindungen zu stiften, begriff Klaus Mann als Möglichkeit politischen Handelns.

Nach dem Kriegseintritt der USA kämpft er, mittlerweile in New York und US-Bürger, sogar als Soldat in Europa gegen Hitler. Auf Reisen als US-Berichterstatter erlebte er im Sommer 1945, mit welcher Brutalität die Deutschen sich der Realität und Verantwortung des Geschehenen entzogen. Seine Reaktion hierauf ist zugleich der Titel eines berühmten Essays: „Es gibt keine Heimkehr!“ Klaus Mann hat sich als Chronist verstanden. „Mir ist es aufgetragen“, heißt es an einer Stelle, „die tausend Formen und Gebärden“ der großen Unruhe seiner Zeit „aufzuzeichnen und festzuhalten“. Wer schreibt die Chronik unserer Zeit?

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