Kultur : Keiner kann zurück

Hans-Werner Kroesingers „Road to Bagdad“ in den Berliner Sophiensälen

Christina Tilmann

Das Interessanteste ist die Übersetzung. Da bleibt von Tim Collins langer Rede über Humanität, Würde und Achtung des Gegners am Ende nur noch: „Nicht jeder von euch wird überleben. Und es wird keine Zeit zum Trauern geben.“ Kleine Akzentverschiebungen, üblich im politischen Everyday-Business – und doch ein Beweis dafür, wie sehr jeder Unterton zählt, wenn es um Krieg geht.

Öffentliches Reden über den Krieg ist das Thema von Hans-Werner Kroesingers Theaterabend „Road to Bagdad“ in den Sophiensälen, der, an Shakespeares „Henry V.“ angelehnt, den britischen Kriegseinsatz im Irak thematisiert. Reden über den Krieg, das tut Tony Blair (Uwe Schmieder) in fünf Ansprachen vom September 2002 bis zum März 2004: Beschwichtigung für die Bevölkerung daheim, Durchhalteparolen für die Soldaten vor Ort, und eine fast schon verzweifelte Rechtfertigung des Einsatzes angesichts einer als „sehr real“ empfundenen globalen Bedrohung. Über den Krieg debattiert auch eine britische Tee-Gesellschaft, die am 10. September 2002 feststellt, dass vor einem Jahr noch keiner sein Ja-Wort zum Militäreinsatz gegeben hätte. Iraks Informationsminister Mohammed al-Sahhaf (Jan Sebastian Suba) wirft auf einer Pressekonferenz mit blutigen Drohungen um sich. Und Saddam (Judica Albrecht) schildert im Märchen „Zabiba und der König“ recht unverhohlen die Schändung des irakischen Volkskörpers durch auswärtige Aggressoren.

All’ das tragen Kroesingers Schauspieler in Auszügen vor – mehr jedoch nicht. Ein bisschen Akzent und Baskenmütze, fertig ist al–Sahhaf, ein Turban macht aus Saddam Hussein einen König, und Uwe Schmieder sieht ohnehin aus wie Tony Blair. Über die Leinwand flackern Bilder der Wüste, und Henry V. reitet gegen Frankreich. Doch statt der Textcollage hätte man sich ausnahmsweise einmal mehr Videoeinsatz gewünscht, ein Theater, das die in den Medien gespiegelten Bilder jener Auftritte kritisch untersucht.

Dass eben jener Collins zum Beispiel, der mit seiner Rede als Musterbeispiel humanitärer Kriegsführung galt, später in den Verdacht geriet, irakische Gefangene misshandelt zu haben, erfährt man nur aus dem Programmheft. Dass Tony Blair zu der Zeit, zu der er seine Reden hält, längst in der Kritik stand, weil er nicht ausreichend über die Gründe des Irakkriegs informiert hatte, erst gar nicht. So unvermittelt wie die Bühnenorte – Kommandozentrale, Tea-Room und Haarem – stehen auch die Redefragmente nebeneinander. Da entsteht aus der Konfrontation keine Schärfe, keine Erkenntnis. Gerade zur Zeit, wo täglich über Folter, Anschläge und das Scheitern der amerikanischen Mission berichtet wird, kommt Kroesingers Kriegs-Theater seltsam veraltet daher. Es hätte das Stück zur Stunde sein können. Doch der Abend schildert allein die Ratlosigkeit zu Beginn des Einsatzes. Wir kämpfen längst mit den Folgen.

Wieder heute sowie am 25. bis 29. Mai, täglich 20 Uhr.

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