Kultur : Keiner war vorbereitet

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Eigentlich ist mit dem neuen Roman von Martin Walser alles so gelaufen wie immer. Siegfried Unseld hat ihn gelesen und zur Veröffentlichung weitergegeben. Obwohl in diesem Roman ein Verleger stirbt, der Züge des heute 78-jährigen Unseld hat, obwohl er sich also betroffen gefühlt haben könnte. Doch zum unvergleichlichen Erfolg des Suhrkamp Verlags gehört die Treue zu den Autoren.

Wie üblich wurde das Manuskript der FAZ zum Vorabdruck angeboten. Dort lag es wochenlang, ohne dass sich etwas rührte. Dann erschien ohne Vorwarnung Frank Schirrmachers Großangriff auf Walser. Der Zeitpunkt war raffiniert gewählt: Bei Suhrkamp gibt es zur Zeit ein Machtvakuum. Siegfried Unseld ist schwer erkrankt, und man ist nicht darauf vorbereitet, Entscheidungen ohne den großen Patriarchen treffen zu müssen.

Unseld hat die Absicht, einen Stiftungsrat einzuberufen, der künftig über die Geschicke des Verlags und vor allem seine Unabhängigkeit wachen soll. Diesem Kuratorium gehören zur Zeit neben Unselds Ehefrau Ulla Berkéwicz die Autoren Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge und Adolf Muschg an - nicht, wie mancherorts behauptet, Jürgen Habermas, der aber noch gefragt werden soll. Die juristische Form dieses Stiftungsrats ist allerdings noch nicht unter Dach und Fach. Der von Unseld ernannte Verlagsleiter Günter Berg ist 42 Jahre alt, seit zwölf Jahren im Verlag und hat sich vor allem durch Fähigkeiten in Marketing und Management profiliert. Berg ist so etwas wie die "kleine Lösung". Eine Funktion, wie Unseld sie Jahrzehnte lang innehatte, ist künftig im Verlag nicht mehr vorgesehen.

Auf die Stoßrichtung von Schirrmachers Attacke war niemand ernsthaft vorbereitet. Denn was es mit Walsers Zündeln am antisemitischen Unterholz auf sich hat, mit seinem gekränkten, verrenkten Deutschtum, ist schon lange bekannt, und Schirrmacher selbst hat genau das bisher nicht gestört. In Walsers Roman geht es um den Literaturbetrieb, um die Macht des Fernsehens, und dass er seine Kritikerfigur dabei mit Zügen Reich-Ranickis ausstattet, unter anderem auch jüdischen, ist ebenfalls nicht weiter überraschend.

Schirrmacher machte, um den langjährigen FAZ-Literaturchef Reich-Ranicki zu schützen, sehr geschickt aus einer Unterströmung die Hauptsache: die Hauptbotschaft sei der Antisemitismus. Und dass die FAZ-"Sonntagszeitung" jetzt einen langen Text über Suhrkamp bringt, passt in dieses Konzept: Das die Medien beherrschende Thema sollen die Schwierigkeiten des Suhrkamp Verlags sein, nicht Schirrmacher.

Ein Siegfried Unseld, wie man ihn gewohnt ist, hätte sich in einer solchen Situation breitschultrig hingestellt, mit dem Finger auf Schirrmacher gedeutet und ausgerufen: Seht, was der da macht! Doch solch eine Autorität hat Günter Berg nicht. Reich-Ranicki verlangt jetzt, den Walser-Roman nicht zu drucken. Der Verlag ist in die Defensive gedrängt. Der Stiftungsrat kam zusammen, und Suhrkamp wollte am Montag öffentlich erklären, was jetzt geschehen soll. Diese Entscheidung wurde jedoch auf Mittwoch vertagt. Die Zukunft ist schon da, nur ganz anders als erwartet.

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