Kultur : Keiner wußte mehr

"Berliner Gemeinplätze" nennt sich recht despektierlich eine Abteilung der Ausstellung "Protest!", die derzeit im Literaturhaus Berlin zu sehen ist.Eher dürfte zutreffen, daß sich die Literatur in den bewegten Jahren 1967 bis 1969 ihre eigenen Orte suchte, alternative Begegnungsstätten, die sich von der "Bewußtseinsindustrie" abgrenzen wollten - wie der Buchhändlerkeller, den der Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler mittlerweile in Charlottenburg betreibt.Die Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Verbindung mit dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg und dem Deutschen Rundfunkarchiv sollte ursprünglich nur in Marbach gezeigt werden und gar nicht weiter wandern - eine Respektlosigkeit gegenüber Berlin, das nicht erst seit der Gründung der Kommune I und den ersten Puddingattentaten zum Brennpunkt des Geschehens geworden war."I heard about some strange things happening in Berlin", schrieb Jimi Hendrix in einem Liebesbrief an "Miss Uschi Obermaier, Berlin".

1949 kehrte Theodor W.Adorno aus dem Exil zurück, sechs Jahre später gab er die Schriften Walter Benjamins heraus - das literarisch-ideologische Unterfutter für den Protest war gelegt, die Politik tat vom Vietnam-Krieg bis zu den Notstandsgesetzen ein übriges."Kursbuch" und "Merkur" wurden zu zentralen Diskussionsforen, Raubdrucke von Wilhelm Reichs "Kritik der bürgerlichen Sexualreform" oder der marxistischen Klassiker machten die Runde.Neugründungen wie der März-Verlag, der Bernward Vespers Anklageschrift einer Generatin "Die Reise" herausbrachte, boten dem Establishment die Stirn.Am radikalsten nahmen Rolf Dieter Brinkmann und Hubert Fichte ("Die Palette") die Sichtweise des gesellschaftlichen Draußen ein, auch in ihren sprachlichen Mitteln.Brinkmanns als obszön verschrienem Roman "Keiner weiß mehr" legte der Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Karte bei, mit der sich der Käufer qua Unterschrift verpflichten mußte, das Buch Jugendlichen nicht zugänglich zu machen.

"Wozu Dichter?" fragte Hans Magnus Enzensberger, Raoul Hausmann verkündete ein "Manifest Morgenröte": "Da-Sein ist: Morgen verwirklichen.Das neue, große Morgen ist unser Material heute." Peter Handke dagegen behauptete zeitgleich zu seiner "Publikumsbeschimpfung", die Literatur sei romantisch, engagiert könnten nur Menschen sein - das wirkte damals unerhört bürgerlich.Die Marbacher Ausstellung mit ihren schreienden Berliner Plakaten erzeugt 30 Jahre später vor allem eins: Sehnsucht nach so viel Aufregung. hill

Fasanenstraße 23, bis 7.März.Mi bis So 11 - 19 Uhr.Katalog (672 S.) 40 DM.

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