Kelly Reichardts „Meek’s Cutoff“ : Der Westen war weiblich

Verhandeln statt kämpfen: Kelly Reichardts großartiger Anti-Western „Meek’s Cutoff“

Sabine Horst
In der Prärie. Emily (Michelle Williams) und Glory (Shirley Henderson).
In der Prärie. Emily (Michelle Williams) und Glory (Shirley Henderson).Foto: peripherfilm

Irgendwie hat man sich daran gewöhnt, den Western als horizontales Gewerbe zu betrachten: weite Landschaften im Breitwandformat. Da dürfte es ein kleiner Schock sein, wenn sich der Vorhang öffnet für Kelly Reichardts „Meek’s Cutoff“: Das Bild ist fast quadratisch. Die Independentregisseurin hat nicht nur auf ordentlichem 35-mm-Film gedreht, sondern auch das alte Academy-Format gewählt: 1,37:1. Das kam in den Fünfzigern aus der Mode, heute können es viele Kinos gar nicht mehr zeigen. Aber es hat den Blick vieler großer Western gerahmt, von „Red River“ bis „Zwölf Uhr mittags“.

Und tatsächlich ist „Meek’s Cutoff“ unter all den Filmen, die jüngst die Sparte wiederbelebt haben („Cowboys & Aliens“, „Rango“, „True Grit“) der einzige klassische, vollkommen unironische. Reichardt kehrt zu den Wurzeln des amerikanischen Gründermythos zurück – in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als die großen Wagentrecks nach Oregon aufbrachen, sozusagen ans Ende der USA.

Wie ihre Helden, die unter schwierigsten Bedingungen überleben, ist die Regisseurin ein sparsamer Mensch. Ihre Filme „Old Joy“ und „Wendy and Lucy“ waren minimalistische Produktionen mit ein oder zwei Hauptfiguren, die in Amerikas Wäldern und am Rand seiner Trailersiedlungen verloren gingen. „Meek’s Cutoff“ wirkt da beinahe übervölkert. Die Kamera folgt drei Planwagen, zwei Paaren und einer Kleinfamilie, die sich auf den Rat ihres Scouts hin vom „Oregon Trail“ abgesetzt haben und versuchen, über eine Abkürzung (cutoff) ans Ziel zu gelangen.

Diese Menschen sind von Beginn an Verlorene. Während die Frauen gebären, Brot backen, kochen, Brennbares suchen, diskutieren die Männer, ob sie Stephen Meek (Bruce Greenwood), ihren großspurigen Pfadfinder, erhängen sollen und in welcher Richtung man auf Wasser stoßen könnte. Diese Gegensätze strukturieren den Film visuell. Da wechseln Nahaufnahmen der kleinen Dinge des Überlebens oder der Gesichter mit hypnotischen Totalen, in denen die Pioniere wie Geister am Bildrand auftauchen und sich in der kargen Landschaft verlieren.

Man könnte „Meek’s Cutoff“ für einen alternativen Western halten, der den weiblichen Anteil an der Besiedlung des Westens aufwertet und en passant die aufwendigen Western der Cinemascope-Ära konterkariert. Aber dann nehmen die Weißen einen versprengten Indianer gefangen, und plötzlich stehen wir mitten in einer politischen Parabel, die entschieden übers Genre und seine Geschichte hinausweist.

Während Meek sich als als Ein-Mann- Lynchmob outet, versucht die Siedlerfrau Emily Tetherow, unterkühlt heroisch gespielt von Michelle Williams, es mit Wandel durch Annäherung. Oder genauer: mit Annäherung durch Handel. „Er soll mir was schulden“, sagt sie und näht dem Indianer die zerfetzten Mokassins. Sie wird dem Mann nicht wirklich nahekommen. Der Fremde und seine Kulturtechniken bleiben den Weißen rätselhaft. Umgekehrt kann der Indianer nicht verstehen, was die Siedler antreibt. Emily wünscht einmal, er könnte sehen, was sie anderswo geschaffen haben, „die Städte, die wir gebaut haben“. Immerhin dankt am Ende der falsche Führer ab, und die Pioniere entschließen sich – das fällt Männern wohl wirklich schwerer als Frauen – einfach mal den Einheimischen nach dem Weg zu fragen.

Wohin der führt, sieht man nicht mehr. Aus der Mikroökonomie des Pionierwesterns entwickelt „Meek’s Cutoff“ die Vision einer Gesellschaft, die eine Zivilisation hinter sich gelassen hat und inmitten einer immer noch unbegriffenen Natur im Dreck steckt. Das wirkt beinahe postapokalyptisch, aber im Unterschied zu den Katastrophengeschichten, die das aktuelle Kino zwischen „2012“ und „Melancholia“ sonst so erzählt, geben Reichardts reduzierte Bilder der Reflexion Raum. Wenn wir noch mal von vorne anfangen müssten – wie würden wir uns organisieren? Was würden wir als Ballast abwerfen, was mitnehmen? Könnten wir unsere Humanität bewahren? Offenbar lassen sich aus dem kleinen Format große Funken schlagen.

OmU im fsk am Oranienplatz und in den Hackeschen Höfen

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