Kemal-Kayankaya-Erfinder : Zum Tode des genialen Krimi-Autors Jakob Arjouni

Krimis können sehr politisch sein: Zum Tod des Schriftstellers und Kemal-Kayankaya-Erfinders Jakob Arjouni. Der Autor starb in der Nacht zu Donnerstag im Alter von 48 Jahren an Krebs.

Jakob Arjouni. Der Autor starb im Alter von 48 Jahren an Krebs.
Jakob Arjouni. Der Autor starb im Alter von 48 Jahren an Krebs.Foto: dpa

Als Jakob Arjouni Mitte der Achtziger erstmals seinen Privatdetektiv Kemal Kayankaya einen Fall lösen ließ, waren Krimiszene und Feuilleton gleichermaßen begeistert: „Happy Birthday, Türke“ erinnerte an amerikanische Vorbilder wie Raymond Chandler, Dashiel Hammett oder Jim Thompson. Und da war mit den nur das Nötigste erzählenden Sätzen stilistisch auch eine Menge Jörg Fauser drin. Einen Ermittler türkischer Abstammung, der in Frankfurt am Main geboren wurde, perfekt deutsch reden und perfekt hessisch babbeln konnte, hatte es bis dato noch nicht gegeben, genauso wenig wie ein Wort wie „Migrationshintergrund“ oder Integrationsdebatten.

Kemal Kayankaya musste stets im tiefsten, zunächst noch bundesrepublikanischen Dreck wühlen, in den kaputten Milieus des Bahnhofsviertels, in den vermeintlich heileren Welten der Großkopferten, und ein paar Gläser Chivas Regal gehörten für ihn genauso zum täglichen Brot wie der Rassismus seiner Umgebung. Als in dem dritten Kayankaya-Roman „Ein Mann, ein Mord“ ein Immobilienmakler seiner angesichtig wird, tippt dieser „eher auf den arabischen Raum“, denn „der Türke im Allgemeinen ist anders“, nämlich „kleiner, würde ich sagen, asiatischer, irgendwie unumgänglicher.“ Doch, der Rassismus in den Kayankaya-Romanen entfaltet durchaus Witz, und Jakob Arjouni war schließlich auch der Überzeugung, „dass Rassismus in seiner Absurdität eine Menge Humorpotential hat (...). Aber die Angst, sich damit auseinanderzusetzen, scheint mir in Deutschland größer zu sein als anderswo. Dass sich jemand damit beschäftigt, lustvoll gar, das ist selten.“

Arjouni, der für seine Bücher den marokkanischen Namen seiner ersten Frau übernahm, kannte diese Angst nicht, vielleicht weil er von Jugend an ziemlich umtriebig war. Geboren wurde er 1964 in Frankfurt als Sohn des Dramatikers Hans-Günter Michaelsen, im Alter von zehn Jahren musste er auf die Odenwaldschule. Nach dem Abitur zog es ihn mal hierhin, mal dorthin: ins südfranzösische Montpellier, wo er ein Studium abbrach, nach Berlin, wo er kurz auf eine Schauspielschule ging und ebenfalls ein Studium abbrach. Nach dem Erfolg der beiden Kayankaya-Romane „Happy Birthday, Türke“ und „Mehr Bier“ ging er nach Paris. Als er dann wieder zurück ins wiedervereinigte Berlin gekehrt war und seinen dritten Krimi geschrieben hatte, wollte er das Versprechen, einer der großen Hoffnungsträger der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu sein, auch einmal mit einem Non-Kayankaya-Roman einlösen. Was ihm gelang: Sein Wende- und Berlin-Roman „Magic Hoffmann“ erschien 1996, verblüffte durch  Tempo, Witz und ließ Werke wie beispielsweise Uwe Timms „Johannisnacht“ oder Günter Grass’ „Ein weites Feld“ locker hinter sich. Berlin ist hier mehr als nur Kulisse und Deutschland in den Augen des Ex-Knackis Fred Hoffmann, den es von Dieburg in die Hauptstadt verschlägt, ein seltsames Land: „Ich bin seit zwei Wochen aus’m Knast, und von allen Seiten höre ich Deutschland, Deutschland, und irgendwie hört sich's immer gleich an“.

In der Folge jedoch verhob sich Jakob Arjouni nicht selten an politisch brisanten Themen, da wirkten seine Romane entweder überladen oder zu kolportagehaft. Zum Beispiel der 2004 veröffentlichte Roman „Hausaufgaben“, in dem die Welt des durch 1968 sozialisierten Deutschlehrers Linde aus den Fugen gerät. Linde wird zum einen von seinen Schülern der Holocaust–Leugnung bezichtigt, weil er im Unterricht darüber stöhnt, wie schwer es für Nachgeborene sei, „dem großen Nazitopf“ zu entkommen. Zum anderen muss er sich mit Vorwürfen seiner psychisch kranken Frau herumschlagen, die gemeinsame Tochter sexuell missbraucht zu haben. Es ist viel drin in diesem Roman, zu viel aber wird nur an der Oberfläche verhandelt.

Das Bemühen, locker und unangestrengt und zugleich thematisch ambitioniert zu erzählen, kennzeichnet auch jüngere Arjouni- Romane wie den in Paris angesiedelten Science-Fiction-Krimi „Chez Max“ oder „Cherryman jagt Mr. White“. Letztendlich bekam Arjouni seine Mischung aus Gesellschaftskritik und Unterhaltung am besten in seinen Kayankaya-Romanen hin, in „Kismet“, der 2001 veröffentlicht wurde und unter anderem den Jugoslawienkrieg streift. Und in „Bruder Kemal“ aus dem vergangenen Herbst, der nun zu seinem Vermächtnis wurde. In der Nacht zu Donnerstag ist Jakob Arjouni im Alter von 48 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben. Gerrit Bartels

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