Kultur : Kennzeichen Kullerauge

Gefällige Apokalypsen: ein Bildband würdigt den Graffiti-Künstler Gino Fuchs

Jens Thomas

Welch ein Tagesrhythmus. Am Morgen zermürbt aufstehen, weil man die ganze Nacht mit angespitztem Bleistift Comic-Figuren gemalt hat. Dann in die Badewanne legen, schließlich muss der versäumte Schlaf durch entspanntes Plätschern ausgeglichen werden. Und dann warten, warten auf einen Auftrag, warten, bis das Handy klingelt. Ein ganz normaler Tag im Leben des Graffiti-Sprühers Gino Fuchs. Fuchs, 24, hat sein Hobby zum Beruf gemacht, er ist seit fünf Jahren selbstständig. Und jetzt ist er dabei, berühmt zu werden: Der gerade erschienene Band „Art of Gino Fuchs“ feiert seine Kunst.

Besuch beim Künstler. Fuchs trägt eine Hornbrille, die mit Farbspritzern besprenkelt ist. „Schon in meiner Kindheit habe ich Comic-Figuren gezeichnet“, sagt er. „Und später wollte ich eigentlich nur mal meine Zeichnungen vom Papier an die Wand bringen.“ Erste Sprayversuche verliefen desaströs. „Sah schlimm aus.“ Aber Fuchs machte weiter, feilte an seiner Technik. 1993 entstand das erste Graffito, heute lebt Fuchs vom Sprayen. Doch das Leben als freier Sprüher ist nicht einfach, die Auftragslage war schon mal besser. „Manchmal habe ich wochenlang nichts zu tun.“ Wenn alles nach Plan läuft, hat Fuchs im Schnitt einen Auftrag pro Woche, mal ist es eine Hauswand, mal ein Motorrad, das er nach Kundenwunsch gestaltet.

„Art of Gino Fuchs“, entstanden in Zusammenarbeit mit einem Freund, der Drucktechnik studiert, ist der Startschuss der neuen Reihe „Daily-Graphics“, die ein Forum für die Berliner Graffiti-Szene werden soll. Das opulente, rund 130 Seiten dicke Buch ist ein Sammelsurium der neuesten Werke. Ein Drittel davon sind nackte, meist vollbusige Frauen, der Rest besteht aus Figuren und Tieren aller Art. Marienkäfer starren verdutzt auf Raupen, Schweine suhlen sich im Dreck, Giraffen grinsen übermütig. „Ich bin Tierfreund“, gibt Fuchs zu verstehen. Und die nackten Mädchen findet er „schön, aber nicht sexistisch“. In ihrer langbeinigen Gestelztheit und filigranen Vielgliedrigkeit sehen die Schönheiten ohnehin fast wie Insekten aus. Angefangen hatte alles mit einem Auftrag für die Party-Reihe „Kintango“. Der Veranstalter bat darum, „eine sexy Frau zu malen“.

Die Figuren von Fuchs haben ein primäres Erkennungszeichen: ihre großen Kulleraugen. Es ist ein bizarres Typen-Panoptikum, in dem sich Berliner Eckensteher mit den üblichen Verdächtigen der Fernsehnachrichten mischen. Da gibt es Turban tragende Terroristen, die stolz ihre Kalaschnikow präsentieren, stoned aussehende DJs, Hipster mit Afrolook und Sonnenbrille, Passanten, die sich griesgrämig mit einer „Blind“-Zeitung vor dem Regen zu schützen versuchen. Grotesk und witzig sind die Erfindungen von Fuchs, aber das ist bloß eine Seite seiner Kunst. Deformierte Tiere wie der „Apokalyptische Hase“ bilden das düstere Pendant zu den anderen Kreaturen. „Meist sind es momentane Gemütszustände, die ich zum Ausdruck bringe“, sagt der Künstler. Fuchs ist keineswegs der erste Berliner Graffiti-Meister, der mit einem Buch gewürdigt wird. Der Journalist Jürgen Deppe schrieb eine Biografie über Petar Kundid, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Odem“ („Odem: On the run“, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag), zur Zeit arbeitet der Sprayer „Bus“ an einer Veröffentlichung. Seit Mitte der Neunzigerjahre, schätzt Bernhard van Treeck, Autor des Buches „Das große Graffiti-Lexikon“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) , sei Berlin die Stadt Europas mit den meisten Writern. Inzwischen gibt es hier über hundert Sprüher-Crews.

Charakteristisch für Berlin ist das „Bombing“, ein Stil, der Quantität vor Qualität setzt: Etliche Signums werden schnell auf möglichst viele Hauswände geschmiert. Gino Fuchs hat damit wenig zu tun, er produziert keine fixen „Tags“, sondern „Charakters“. Diese Variante kam Anfang der Siebzigerjahre in New York auf, dabei werden anthropomorphe, comicartige Wesen mit viel Zeitaufwand kreiert. Es gibt so genannte „Hall of Fames“, von Sprayern oft besuchte Wände, auf die diese Figuren legal aufgetragen werden. Fuchs hat große Pläne: „Ich hoffe, dass ich noch in zwanzig Jahren auf dem Gerüst stehen werde.“ Ein Bürojob kommt für einen Writer nicht in Frage.

Das Buch „Art of Gino Fuchs“ ist für 24, 80 € über www.Daily-Graphics.de erhältlich.

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