Kultur : Kent Nagano: Auch die Staatskapelle Berlin erliegt dem Zauber des Dirigenten

Ulrich Amling

Er hat sie alle verzaubert: Kent Naganos sanftem Fordern, seiner nie nachlassenden Konzentration sind Berlins Orchester in den letzten Wochen und Monaten erlegen - eines nach dem anderen. Nicht auf die unterwürfige Art, mit der man einem Diktator des Taktstocks Anerkennung zollt, sondern mit der disziplinierten Zuneigung der Geistesverwandten. Jetzt hat der Nagano-Zauber auch die Staatskapelle erreicht. Die Musiker, die sich gerne als Berliner Hort eines deutschen, dunkel getönten Klangideals verstehen, hat man lange nicht mehr so spielfreudig, so leicht, so ohne jedes falsche Pathos erlebt. Was unter Kapellen-Chef Daniel Barenboim oft ausgebrannt klingt, wundgescheuert, nach den dumpfen Ausläufern einer schmerzhaften Dauerekstase - wie zuletzt im "Don Giovanni" - befreit Nagano von schwitzender Egoschwere. Und siehe: Die Staatskapelle spielt himmlisch, so feingeschliffen, dass selbst die wattige Akustik des Konzerthauses keine Schatten über ihren Klang zu legen vermag.

Gabriel Faurés Orchestersuite zu "Pelléas et Mélisande" atmet die diskrete Luft von Maurice Maeterlincks Zauberwald-Dramenwelt, die abseits aller Zuckrigkeit des Fin de Siècle liegt. Nagano beschränkt sich bei seiner leichten Klangregie nicht auf das bloße Anschlagen von Einsätzen: Er begleitet jede Phrase vom Ansatz bis zum letzten Atemhauch. Die Flöten lieben ihn an diesem Abend dafür. Keine Nuance geht verloren, keine Bewegung sinkt einfach ermattet nach einem Solo zu Boden - alles fügt sich organisch in diese "Landschaft mit Ewigkeitscharakter": schön, fern, klar. So nähert sich die Kapelle Tristans Vorspiel und Isoldes Liebestod, nimmt den Wagner-Ausspruch "Das Schroffe und Jähe ist mir zuwider geworden" ganz wörtlich und erweist sich als verschworene Gemeinschaft von Künstlern des Übergangs. Wohin könnte das noch führen?

Doch, wie gesagt, Kent Nagano ist diskret und wäscht nicht gerne die dreckige Wäsche anderer Leute - auch wenn sie Richard Strauss heißen. Von dessen Symphonia domestica trennt er mit Geistesschärfe das Programm - die Schilderung des idyllischen Kleinfamilienlebens - von der Musik. Und rettet damit den Komponisten Strauss vor dem wilhelminischen Patriarchen, der seine Zufriedenheit mit sich und der Welt von über hundert Musikern hinausposaunen lässt. Anstelle einer konzertanten Kolportage dirigiert Nagano ein brillantes Konzert für Orchester, bei dem ein Glänzen von Pult zu Pult der Staatskapelle springt. Von Abbildungszwang der sinfonischen Dichtung befreit, gewinnt die Straussche Musik ein hochkomplexes und doch rustikal joviales Eigenleben. Das lässt sich nur mit Distanz ertragen. Die hat Kent Nagano. Und Hornisten, die ihn verehren.

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