Kent Nagano beim Deutschen Symphonie-Orchester : Zauber der Partitur

Das Deutsche Symphonie-Orchester empfängt seinen ehemaligen Chefdirigenten Kent Nagano zu einem Brahms-Mahler-Programm. Star des Abends in der Philharmonie aber ist die schwedischen Sängerin Ann Hallenberg.

von
Kent Nagano
Kent NaganoFoto: Felix Broede

Der Symphoniker Gustav Mahler zeichnet mit dem „Lied von der Erde“ einen Lebensabschied. Lieblich leise klingt die Flöte Kornelia Brandkamps zum Gesang von Ann Hallenberg „Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge“, um sich morendo instrumental-solistisch zu entfernen. Und die Sängerin beharrt: „Du, mein Freund, mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!“ Das Wort „Glück“ in der Höhe der Mezzolage leuchtet in dieser Interpretation wie eine Insel der Erinnerung.

Es ist Frühling, und das Deutsche Symphonie-Orchester, das am Pult wiederum seinen ehemaligen Chefdirigenten Kent Nagano begrüßt, spielt letzte Lieder von Mahler und Brahms. Dessen „Ernste Gesänge“ werden von der Nr. 1 der „Ungarischen Tänze“ des Komponisten gerahmt. Diesen Hit mit bombastischem Schwung nach den biblischen Texten zu wiederholen, erscheint wenig sinnstiftend, weil das Finale der „Gesänge“ auf die berühmten Worte des Korintherbriefs mit dem mystischen Hymnus über „Glaube, Hoffnung, Liebe“ ausklingt: „Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Detlev Glanert trifft den Spätstil der Lieder orchestrierend viel sensibler.

Als Hauptwerk mit Spannung erwartet und gefeiert wird in der Philharmonie „Das Lied von der Erde“. Was Hans Bethge an Nachdichtungen fernöstlicher Lyrik in seiner „Chinesischen Flöte“ erfunden hat, ist der Musikwelt durch Mahler geliebter Besitz geworden. Wie der „Einsame im Herbst“ von „Jugend“ und „Frühling“ träumt, wie der Vogel zwitschert (Violine: Bernhard Hartog), weil der Lenz gekommen ist, das sind auch hier unvergleichliche Farben, die lichte Momente in das Thema bringen: „Dunkel ist das Leben, ist der Tod.“

Als Strahletenor gibt sich Christian Elsner starkheldisch dem Lied vom „Trunkenen im Frühling“ hin. Das Orchester glänzt in der Linienführung der koloristischen Partitur, die Nagano mit viel Impetus entfaltet. Der schwedischen Sängerin Ann Hallenberg gehört der „Abschied“. Ihr Gesang ist unsentimentale Innigkeit, immateriell beinahe im verhauchenden „Ewig, ewig“, bevor die Musik endet: „Gänzlich ersterbend“ steht über den letzten Takten. Das DSO siegt im Zauber der Partitur.


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