Kultur : Kent Nagano müht sich mit Mahler

Ulrich Amling

"Wie mit einem Schlaglicht war diese verschüttete Literatur beleuchtet", urteilte Gustav Mahler über ein Bach-Konzert, für das er eine Suite aus Orchesterwerken des Thomaskantors zusammengestellte. In dem ersten seiner "historischen Konzerte" mit dem New York Philharmonic versuchte der Wiener 1909 gleich einen zweifachen Kulturtransfer: Alte Musik sollte zeitgemäß in sinfonischem Gewand auftreten und Hörern in der Neuen Welt das Erbe von "old Europe" näher gebracht werden. Mahler griff dirigierend in die Tasten eines zum Spinett präparierten Steinway, "ganz nach Art der Alten". Hört man Mahlers Bach heute - nach dem Siegeszug von Spezialensembles für Alte Musik -, so erscheint seine Imitation eines historischen Klangbildes geradezu naiv: ein Rundgang in einem schummrigen Museum Alter Meister, mit gedämpften Schritten auf dicken Teppichen, den Geruch konservierender Öle in der Nase. Ein kunstvoller "Als-ob-Stil", wie ihn die Filmmusik zur Perfektion gebracht hat. Kent Nagano und das Chamber Orchestra of Europe mühen sich nach Kräften, nicht im sämigen Sound des New Yorker Bachs zu versinken. Klarheit, wie sie Mahler zur Maxime seines Schaffens als Komponist und Dirigent erhoben hatte, erreichen die Musiker aber erst mit Beethovens Streichquartett f-Moll op. 95 in der Fassung für Streichorchester. Durch gestochen scharfe Artikulation gelingt den COE-Streichern der Genre-Sprung von der Kammermusik hin zur Sinfonik ohne plumpe Verfettungen. Vor allem in Schuberts Quartett "Der Tod und das Mädchen" animiert Nagano seine Musiker zu fein differenzierten Klangwirkungen, mit denen Mahler die Struktur des Werks festigen wollte - glaubte er doch, dass Schuberts Können "lange nicht an seine Empfindung heranreicht". Mahler, so legt dieser Festwochen-Abend nahe, war gar nicht der letzte Romantiker: Er hat sie ringend überwunden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben