Kultur : Kerle kochen Ein Alchemistenschatz im Kupferstichkabinett Berlin

Michael Zajonz

Schönheit? Reichtum? Ewige Jugend und ultimatives Glück? Es gab sie schon immer, die Suche nach dem Stein der Weisen und der Lizenz zum Goldmachen. Nur ist die Alchemie seit der Erfindung des Porzellans etwas aus der Mode gekommen. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit haben sich auf diese Pseudowissenschaft selbst Fürsten und Millionäre verlassen. So einer muss auch der Auftraggeber des „Splendor Solis“ gewesen sein, der schönsten alchemistischen Bilderhandschrift der Reformationszeit, die sich erhalten hat.

Seit 100 Jahren gehört der 1531/32 in Augsburg entstandene „Sonnenglanz“, der sich mit dem Stein der Weisen beschäftigt und bis ins 17. Jahrhundert immer wieder abgeschrieben worden ist, zu den Glanzstücken des Berliner Kupferstichkabinetts. Das Berliner Ur-Exemplar konnte unlängst faksimiliert werden, ohne seine Bindung aufzulösen. Zum Abschluss der Arbeiten wird das in sieben Teile gegliederte Manuskript und seine 19 erhaltenen farbigen Miniaturen ausgestellt: fünf im Original, der Rest in hochwertigen Reproduktionen (Kulturforum, bis 11. 9., Katalogheft 6 Euro). Drumherum versammelt Kurator Michael Roth weitere Handschriften, Zeichnungen und Druckgrafiken, so von Dürer, Holbein d.J. oder Pieter Bruegel d.Ä., die belegen, wie verbreitet die krude Bildwelt des „Splendor Solis“ damals gewesen ist. Dessen Illustrator blieb bis heute anonym, die Forschung diskutiert derzeit den Augsburger Maler Jörg Breu d.Ä. In seinen kleinen Bildwunderwerken stehen schielende Drachen und dreiköpfige Vögel für den Einfluss der Gestirne, lassen sich alte Kerle zerstückeln und kochen, um körperliche Vollkommenheit zu erlangen, und schwarze Sonnen erinnern an Fäulnis und Auflösung. Aber sie tun es mit einem Glühen und Leuchten, das fast schon wie ultimatives Glück aussieht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar