Kermani-Roman "Dein Name" : Das Heilige und die Waschmaschine

Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder: Navid Kermani übt sich auf über 1200 Seiten in literarischem Maximalismus. Sein Lebens- und Totenbuch „Dein Name“ handelt von allem, vor allem aber von ihm selbst - und von der Geschichte des Iran im 20. Jahrhundert.

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Im Namen von Mir-Hossein Mussawi. Demonstration gegen Präsident Ahmadinedschad in Teheran am 15. Juni 2009. Foto: p-al / dpa
Im Namen von Mir-Hossein Mussawi. Demonstration gegen Präsident Ahmadinedschad in Teheran am 15. Juni 2009. Foto: p-al / dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Glücklich, wer nicht den Kopf verliert, wenn das Wichtige und das Unwichtige unterschiedslos alle Speicher fluten und das Summen der Sinneseindrücke, Erinnerungen und medialen Informationen sich zum Tosen auswächst. Ist das Ich noch bei sich, oder ist es schon außer sich? Koordiniert es den Strom der Gedanken noch, oder hat es schon kapituliert? Man müsste sich als Protagonist eines Romans betrachten können, aus dem man sich als eine Gestalt mit Konturen entgegentritt, die man anders nie erkannt hätte.

Die Literatur bringt seit jeher Ordnung in das amorphe Rauschen der Dinge. Sie präpariert Geschichten heraus, sie bildet Bewusstseinsprozesse bis ins Kleinste nach. Und in einigen wenigen Fällen, bei Großironikern wie Laurence Sterne oder Jean Paul, hat sie den Teufel der Kakophonie sogar erfolgreich mit dem Beelzebub literarischer Maßlosigkeit ausgetrieben. Doch macht sich heute nicht jeder lächerlich, der die Mitschrift aller Disparatheiten aus der Kraft des vereinzelten Egos zu bewerkstelligen versucht? Die wahre Konkurrenz eines solchen Unternehmens liegt im zur Echtzeitkommunikation tendierenden Schreiben einer vieltausendköpfigen Schwarmintelligenz im Netz. Um diese Herausforderung anzunehmen, braucht es einen furchtlosen Ritter wie Navid Kermani.

Sein Roman „Dein Name“ ist nicht nur der dickste Brocken dieses Herbstes, er ist auch der ehrgeizigste: ein kapitelloses, absatzscheues Ungetüm von über 1200 Seiten, das in seinem Maximalismus jede Idee von Literatur als Verdichtung verabschiedet. Mehr noch: Seine zwischen Teheran, Kabul und Köln angesiedelte Weltläufigkeit gewinnt dieses Buch aus der äußersten Selbstbespiegelung seines Autors. Der habilitierte Orientalist, hierzulande einer der brillantesten religionswissenschaftlichen Publizisten, als Sohn iranischer Eltern 1967 in Siegen geboren, hat das stoffspendende Glück, dass sich in ihm biografisch Traditionen kreuzen, die unsere Welt bestimmen. Seit dem Streit um die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises im Jahr 2009, die der katholische Kardinal Lehmann letztlich erfolglos mitbetrieben hatte, nachdem Kermani einige unchristliche Überlegungen zur Kreuzestheologie angestellt hatte, ist er sogar eine öffentliche Person. Dinge, die in dieser gewaltigen Autofiktion aufgegriffen und doch nicht einfach erinnert werden, weil sie in einem metafiktionalen Universum stattfinden, das Kermani im Schreiben ausmisst.

Die beiden zentralen Bezugspunkte sind dabei die „Selberlebensbeschreibung“ des ausufernden Fabulators Jean Paul, Repräsentant einer Postmoderne avant la lettre, „die ihren Kunstcharakter durch Realelemente zerstören und eben dadurch retten will“. Und Friedrich Hölderlin, „der Sufi der deutschen Literatur“, mit seiner „Anmaßung ,reiner’, also die realen Erfahrungen ausstoßender und sich bislang jedenfalls zu einer falschen Religion aufschwingenden Poesie“. Als drittes Element kommt der Autofiktionskünstler J.M. Coetzee ins Spiel, und dazu so etwas wie der Versuch, die gesamte Literatur der Gegenwart, wenn nicht zu überschreiben, so doch zu kommentieren: den Sexspezialisten Philip Roth, den Erinnerungsschleifengefangenen Peter Kurzeck, den Klassizisten Martin Mosebach, die Romreisenden Rolf Dieter Brinkmann und Josef Winkler oder den Berlinkartografen Ulrich Peltzer.

Aber verspricht der Klappentext nicht einen Roman, „wie es noch keinen gab“? Gegen Kermanis aus dokumentarischem Geist geborene Abschweifungswut wirkt der epische Totalitätsanspruch von Tolstois „Krieg und Frieden“ wie ein antiquierter Witz. Und gegen den langen Tag, den James Joyce im „Ulysses“ Leopold Bloom durch Dublin spazieren ließ, erscheinen die fünf Jahre vom Juni 2006 bis zum Juni 2011, die Kermanis Buch umspannt, wie eine Steigerung: „Nichts wird weggeworfen, nichts überspielt, die erste Aufnahme genommen, eine littérature veritée. Am liebsten würde er auch die Tippfehler bewahren. Wenn ihm ein Abschnitt nicht gefällt, streicht er ihn nicht, sondern schreibt im nächsten Absatz, dass der vorige ihm nicht gefallen hat. Nichts geht verloren, alles ist wert, aufbewahrt zu werden, alles von gleichem Gewicht, das Heilige und die Waschmaschine.“

Das trägt paradoxe Züge. Was sammelt Kermani hier nicht alles: eine Geschichte des Iran im 20. Jahrhundert, eine Reise in die familiäre Vergangenheit, in der Kermanis isfahaner Großvater, der in Teheran die Amerikanische Schule besuchte, die bedeutendste Rolle spielt, erhellende essayistische Einlassungen zu Jean Paul und Hölderlin, Überlegungen zu Liebe und Sex, auch im Hinblick auf Hölderlins Diotima Suzette Gontard, die Geschichte eines ehelichen Zerwürfnisses sowie Abhandlungen zu Kermanis Lieblingshelden Neil Young. Doch diese Stofffülle ist nahe an der Stofflosigkeit. Die Aufwertung des Unbedeutenden wetteifert mit der Abwertung des Bedeutenden; sie schlägt um in Gleichmacherei. Das Ringen um Tagesaktualität, das auch noch die Ermordung Osama Bin Ladens und die atomare Katastrophe von Fukushima einbezieht, blickt dem Schicksal des Veraltens ins Auge, und dass all dies in vollem Bewusstsein geschieht, stellt keinerlei Erkenntnisgewinn her.

Jedem Buch, das auf diese Weise von schlechterdings allem handelt, ist die eigene Unmöglichkeit eingeschrieben. Für den Autor ist es zwangsläufig immer zu kurz – und für den Leser immer zu lang. Es gibt keine literarische Maßlosigkeit, die mit der Fülle der Welt Schritt halten könnte. Schrift und Wirklichkeit gehören unterschiedlichen Ordnungen an. Deshalb rast „Dein Name“ seiner unausweichlichen Endlichkeit entgegen, zehrt sich im Anschreiben gegen den abschließenden Punkt auf und verschlingt sich selbst.

Es ist dies also ein Buch über den Tod und wie man ihm widersteht – schon durch die Ausgangsidee, aus dem Gedenken der nahen und fernen Toten, die den Lauf der Schreibjahre kreuzen, ein Buch des Lebens zu formen. Nur die Toten haben neben den Künstlern einen Eigennamen. Die typografisch abgesetzten und jeweils mit einem Bild versehenen Nachrufe auf den Schriftsteller István Eörsi, den Komponisten György Ligeti, den Soziologen Karl Otto Hondrich oder den Dichter Mahmud Darwisch sind oft glänzende Porträts – und das betrifft nicht nur die Prominenten. An ihrer Seite werden ganz alltägliche Schicksale erzählt.

„Dein Name“ will indes nicht nur die Grenzen zwischen Leben und Tod niederreißen. Er versucht auch, die Genres von Autofiktion, Roman und Reportage, Essay und akademischer Abhandlung zu sprengen. Das Problem ist nur, dass nichts in diesem literarischen Wimmelbild die Aufmerksamkeit lenkt; nichts hält die Neugier in Gang. Der Blick gleitet ab an den bleiernen Blöcken dieser Prosa, die kein Sprachberserker aufgetürmt hat, sondern ein intellektueller Nerd, der die Zügel weder so loslassen kann wie Jean Paul noch sein Werk so an die Kandare nehmen kann, wie es die Autofiktionen von Serge Doubrovsky, Alain Robbe-Grillet oder J.M. Coetzee tun.

Kermanis Wirklichkeit wird nicht imaginiert, sie wird nur aufgerufen: überwölbt von den metafiktionalen Spinnweben eines Schriftstellers, der sich einmal als Romancier namens Navid Kermani in der dritten Person ins Spiel bringt und einmal als reflektierendes, sich distanzierendes Ich in der ersten Person. Das bauscht viele Sätze nutzlos auf und enthüllt am ehesten da seinen Sinn, wo sich Kermani als Meinungen verkaufender Berufsmuslim und Krisenregionsexperte selbst beobachtet. Man muss nicht ständig mit der Nase darauf gestoßen werden, dass Kermani in „Dein Name“ nicht sein Herz ausschüttet. In der Preisgabe privater Details ist dieses hochgradig kalkuliert, deshalb aber von nicht weniger unerträglicher Eitelkeit.

Kermanis Buch ist von daher auch ein Stück Konzeptkunst: mit der Konsequenz, die Andy Warhol seinem Film „Sleep“ angedeihen ließ, in dem er fast sechs Stunden lang dem nackten John Giorno beim Schlafen zusieht. Es fehlt „Dein Name“, bei allen Exkursen zum Heiligen, aber etwas von jenem Funken Transzendenz, der John Cages auf 639 Jahre Spieldauer terminiertes Stück „Organ2/ASLSP“ auszeichnet, das seit der Jahrtausendwende im Halberstadter Dom aufgeführt wird.

Aber wie will man diesem Buch kritisch beikommen? Es ist gegen jeden denkbaren Einwand abgedichtet, indem es ihn antizipiert und ihm den Wind aus den Segeln nimmt. Wer Kermani vorhalten wollte, dass dies ja gar kein Roman sei, sondern nur ein monströses Zeugnis angewandter Poetologie, dem erklärt er mit guten Gründen: Der Romancier von heute ist der Poetologe. Auch die Frage, für wen dieses Buch eigentlich geschrieben ist, wird zurückgewiesen. Man kann nicht immer an den Leser denken.

Jedes Leben braucht eine Art Spiegel. Aber wer es so obsessiv in Schrift verwandelt, erstickt es. Das Ergebnis ist hier zu besichtigen: Unter dem Koloss dieses Lebens- und Totenbuches liegt Navid Kermani lebendig begraben.

Navid Kermani: Dein Name. Roman. Hanser, München 2011. 1230 Seiten, 34,90 €. Der Autor stellt sein Buch im Gespräch mit Egon Ammann, Maike Albath und Andreas Isenschmid am heutigen Donnerstag um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin vor. Der Deutschlandfunk sendet die Aufzeichnung am Samstag, den 27. August, um 20.05 Uhr.

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