Kultur : Kerri Sakamoto über das Migranten-Leben zwischen Hier und Vorgestern

Fokke Joel

Asako beobachtet am Fenster das Stadtrandleben irgendwo in Kanada. Sie weiß, dass sie im "Mittelpunkt des Geschehens" sein muss, "um von irgendetwas berührt zu werden". Doch verlässt sie selten das Haus. Ihre Energie wird vom pflegebedürftigen Vater und dem ledigen Bruder aufgezehrt; ihre Liebe von dem älteren Bruder, den sie als Foto in den Händen hält - er starb unter ihren Augen in einem Internierungslager während des Weltkriegs. Die Kanadierin Kerri Sakamoto schildert die Welt japanischer Migranten aus der Sicht einer Frau, die noch in der zweiten Generation ganz in dieser Kultur lebt. Schuldgefühle spielen eine zentrale Rolle. Sie isolieren und führen in der friedlichen Welt des japanischen Ghettos zu eruptiver Emotionalität, zu der Asako erst durch die Beziehung zu einem lebhaften Mädchen aus der Nachbarschaft vordringt. Doch letztlich geben die Vergangenheit und die Toten dem Roman seine Gestalt. Als Liebesobjekte, gegen die kein Lebender konkurrieren kann. Sakamotos Erzählerin ist dabei ein Prototyp des Singles im Zeitalter virtueller Realität. Fällt es nicht immer schwerer, im "Mittelpunkt des Geschehens" von "irgendetwas berührt zu werden"?Kerri Sakamoto: Das Echo eines langen Tages. Roman. Claassen Verlag, Muenchen 1999. 398 Seiten, 44 DM.

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