Kultur : Kess war gestern

Das Fließen der Kleider: Die Ausstellung „Glamour! Das Girl wird feine Dame“ im Kolbe-Museum

Nicola Kuhn

Kaum ist der rote Teppich der Berlinale eingerollt, sind sie alle wieder da: die Schönen, die Strahlenden, die Stars. Allerdings müssen sich die Fans auf eine Zeitreise begeben, acht Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit – und eine Eintrittskarte für das Museum erwerben, wo die Grazien in einem Glanz zu bewundern sind, als kämen sie aus der Gegenwart. Lilian Harvey, Marlene Dietrich, Lil Dagover, Greta Garbo, Louise Brooks geben sich ein Stelldichein, wenn auch nur auf Fotografien und Filmplakaten, in Malerei und Skulptur. Fließende Kleider, Federhütchen, Stulpenhandschuhe sind zu sehen, die man gerade noch an Nicole Kidman, Scarlett Johansson, Natalie Portman bewundert zu haben glaubt, so ähnlich sind sie sich im Stil.

Es kann kein Zufall sein, dass die Mode, das Frauenbild der späten Zwanziger und frühen Dreißiger wieder interessiert. Das Kino erlebt die Renaissance eines bestimmten femininen Typus, das Museum liefert den kulturellen Unterbau dazu. Neben diesem Punktgewinn in Aktualität erwirbt sich Verena Dollenmeiers Ausstellung „Glamour! Das Girl wird feine Dame“ auch ein wissenschaftliches Verdienst: Sie widmet sich bei aller sonstigen Popularität des Sujets einem Thema, das in der Kunstgeschichte bislang kaum Beachtung fand.

Die dritte und damit letzte Phase der Weimarer Republik, die Jahre zwischen 1928 und 1932, galt bislang als eine Zeit, in der die künstlerische Kraft der Avantgarde erschlaffte, Expressionismus, Neue Sachlichkeit ihre Schärfe, ihre Spannkraft verloren hatten. Sie wurde als zu vernachlässigende Periode vor dem Dritten Reich angesehen, nur noch auf dem Weg zur Ästhetik der Nazis. Weit gefehlt: Wer die Frauendarstellungen dieser Zeit einer genaueren Untersuchung unterzieht, entdeckt – zumindest bei den oberen Zehntausend, wohl kaum bei der unter Weltwirtschaftskrise, Inflation, Massenarbeitslosigkeit leidenden Mehrheit – einen selbstbewussten, am Tage sportlichen, am Abend eleganten Typ, der eigentlich nur oberflächlich Ähnlichkeit mit dem später propagierten robusten Weib besitzt, das vor allem Kinder zu bekommen hat.

Der Wandel vom kessen Mädel, das Hemdkleid, flache Schnallenschuhe, eine praktische Kappe über dem Bubikopf trägt, zur Grande Dame zeichnet sich in den künstlerischen Beiträgen für den Georg-Schicht-Preis ab, mit dem eine Leipziger Kosmetikfirma 1928 das „schönste deutsche Frauenporträt“ zu ermitteln sucht. Gewonnen hat ihn der Maler Willy Jaeckel, dessen „Stehendes Mädchen“ noch zum Befremden des Publikums einen sportlichen Typ zeigt. In den späten Zwanzigern rückte körperliche Ertüchtigung endgültig zum gesellschaftsfähigen Ereignis auf; die Frau von Welt spielte Tennis, Golf, ritt aus oder hob im eigenen Flugzeug ab. Dabei präsentiert sie sich modisch perfekt gekleidet, im körperbetonten Dress. Plötzlich hat die Frau von Welt wieder Taille, zeigt selbstbewusst Figur. In den Abendgarderoben dominieren die fließenden, glänzenden Stoffe, die Leinwandstars erscheinen griechischen Göttinnen gleich. Marlene Dietrich, die Garbo, Lilian Harvey inszenieren sich in ihren Fotografien durch perfektes Make Up, geschickte Lichtregie (bei Marlene nur gleißend hell von oben) zwar überirdisch schön, doch dieses ferne Ideal findet über die Modejournale seinen Weg auch in die umsetzbare Realität.

Zwar zeigt die Ausstellung einige eindrucksvolle Frauenporträts – vorneweg Tamara de Lempickas Lady am Telefon aus der Sammlung Wolfgang Joop oder Christian Schads Bildnis einer unbekannten Berlinerin mit dauergewelltem Schopf. Doch die Malerei, ebenso die Skulptur, scheint kaum noch das Medium der Zeit wie im Jahrzehnt zuvor, um für Typen zu faszinieren wie es noch Otto Dix oder George Grosz mit ihren verruchten Frauen gelang. Stattdessen schwingen sich Fotografie, Film, Modegrafik zu neuen Ausdrucksformen auf, die dem Zeitgefühl näher stehen. Die Modemagazine Harper’s Bazaar und Vogue liefern sich Wettrennen um die neuesten Trends und stacheln dadurch ihre Fotografen an. Zunächst standen sie mit den Modezeichnern in Konkurrenz, weil deren farbige Entwürfe gegenüber den Schwarz-Weiß-Aufnahmen attraktiver wirkten. Doch Hollywoods Glamour, die Pariser Haute Couture brauchte trotz Abgehobenheit Identitätsfiguren. Sie traten auf in Gestalt der Stars, die sich im Fall von Marlene Dietrich über Wochen nur von Orangensaft ernährten, um dem wiederum auf sie selbst projizierten Schlankheitsideal zu genügen. Ein Kreislauf, der sich heute noch wiederholt, wie ebenfalls der Blick auf den roten Teppich zeigt.

Georg Kolbe Museum, bis 12.5.; Di-So 10-17 Uhr. Eröffnung heute um 11.30 Uhr.

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