Kultur : Kette und Karussell

Acht Regisseure und ihr Gemeinschaftsfilm „Alle Kinder dieser Welt“

Daniela Sannwald

Sieben Kurzfilme, die – zusammenmontiert und abendfüllend – ins Kino kommen: Omnibusfilm nennt man das vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren beliebte Modell. Damals taten sich häufig Regisseure der jungen Generation zusammen, um Gemeinschaftsgeist zu demonstrieren und womöglich auch, weil die Kreativität des Einzelnen für 90 Minuten noch nicht ausreichte. So entstand etwa 1965 der Nouvelle-Vague-Klassiker „Paris vu par ...“.

Die Unicef-Auftragsproduktion „Alle Kinder dieser Welt“ hat vor allem ein humanitäres Anliegen: Wie bei einer Unterschriftensammlung geht es um die Präsentation möglichst bekannter Namen. Dass man Spike Lee, dessen „Inside Man“ derzeit im Kino läuft, für eine der Episoden gewinnen konnte, ist ein Marketing-Coup – auch wenn sein Porträt eines HIV-infizierten Mädchens in New York und seiner drogensüchtigen Eltern ein wenig didaktisch daherkommt.

Ganz anders die brasilianische Episode von Katia Lund: Sie zeigt einen Tag im Leben zweier Straßenkinder in São Paulo, Mädchen und Junge, etwa sechs und acht Jahre alt. Auf eine provisorische Handkarre laden sie Abfall, um ihn später zu verkaufen, machen sich auf einem Großmarkt nützlich, bekommen dafür etwas zu essen und erreichen schließlich die Sammelstelle, wo der wiederverwertbare Müll nach Gewicht bezahlt wird. Das Tageseinkommen investieren sie in Ziegelsteine fürs Familienheim. Eine unruhige Kamera folgt den beiden durch die engen Straßen der Metropole; ihre Bilder lassen einen urbanen Dschungel erahnen, den die Kinder perfekt kennen. Trotz aller Widrigkeiten hat der Broterwerb auch eine spielerische Seite; dass Katia Lund auch sie zeigt, schont die Tränendrüsen ihres Publikums.

Eindeutig auf Rührung zielt der chinesische Regisseur John Woo, der ein reiches und ein armes Mädchen durch eine weggeworfene Puppe miteinander verbindet. Das reiche Mädchen spielt allein in einem riesigen Raum Klavier, während das arme Waisenkind in einer Hütte auf den Ziehvater wartet. John Woo setzt die beiden Welten vor allem durch die Lichtgebung voneinander ab: fahles, kaltes, helles Licht in den eleganten Wohnräumen der Luxusgöre, schummerige Flackerbeleuchtung im Slum. Bei solchem Setting versteht es sich, dass im Grunde die Reichen die wahren Armen sind. Und schon rollt eine Silikonträne über niedliche Porzellanpuppenhaut, während ein anderes, ebenso niedliches Gesichtchen dekorative Schmutzstreifen zieren.

Auch Emir Kusturica sitzt mit im Omnibus. In dem ihm eigenen wilden Hang zum Absurden inszeniert er eine Zigeunergroteske. Dokumentarisch mutet dagegen Mehdi Charefs afrikanische Kindersoldatenstory an, Ridley Scott und seine Tochter erzählen in einer künstlich verrätselten Episode von Kindern im Krieg überhaupt, und der Italiener Stefano Veneruso lässt zwei neapolitanische Straßenräuber ihr Glück auf dem Karussell finden.

Durchweg ehrenwerte Botschaften vermittelt diese Kompilation – mit süßen Kindern, die immer Medienkonjunktur haben. Doch wie sagte schon Billy Wilder? „Wenn du eine Botschaft hast, dann schick ein Telegramm.“

Hackesche Höfe, Kant, Kulturbrauerei

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