Kian Soltani im Pierre Boulez Saal : Nachtigall, wovon singst du?

Klangfarbenfroh: Der Cellist Kian Soltani präsentiert gemeinsam mit dem Ensemble Shiraz zeitgenössische und traditionelle persische Musik im Pierre Boulez Saal.

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Weltenwanderer. Der 1992 in Bregenz geborene Kian Soltani.
Weltenwanderer. Der 1992 in Bregenz geborene Kian Soltani.Foto: Juventino Mateo

Eigentlich weiß jeder, der Eltern hat, dass der Mensch mindestens aus zwei Welten stammt. Doch nicht jeden reizt das Wissen um die Zusammengesetztheit der eigenen Heimat zur kreativen Auseinandersetzung. Anders ist es beim Cellisten Kian Soltani, dessen musikalische Familiengeschichte sich wie ein Vexierspiel ausnimmt: Der Vater wuchs im Iran mit klassischer westlicher Musik auf. Erst im österreichischen Exil wandte er sich der persischen Musiktradition zu, um diese zu bewahren – wobei ihm beim Erlernen der eigenen Tradition wiederum die Erfahrungen aus einem Alte-Musik-Ensemble halfen.

Was macht man nun mit diesem Erbe? Soltani führt im Pierre Boulez Saal verschiedene Wege vor. Gemeinsam mit dem Pianisten Aaron Pilsan präsentiert er zunächst zwei Werke von zeitgenössischen persischen Komponisten. Hübsch sind die Bearbeitungen persischer Volkslieder von Reza Vali, die als Uraufführung erklingen; in der Musiksprache der späten Romantik und frühen westlichen Moderne gehalten, könnten sie in einem klassischen Programm gut neben Schumanns Stücken im Volkston stehen.

Tranceartige Musizierhaltung

Dass sie aber auch etwas von musikalischem Selbstkolonialismus an sich haben, merkt man beim Vergleich mit Franghiz Ali-Zadehs „Habil-Sayagi“. Anders als Vali bringt diese massiv das Element der Klangfarbe ins Spiel, das für die persische Musik zentral ist. Jetzt muss sich die westliche Seite bewegen: Dem Klang des Konzertflügels rückt Aaron Pilsan zu Leibe, in dem er mit Schlägeln, Plektra, einer auf die Saiten gelegten Perlenkette oder auch nur bloßen Hand den Eindruck von vielfältiger Percussion oder metallischen Lauteninstrumenten erweckt. Dieser Farbenreichtum harmoniert mit dem wie eine Improvisation gestalteten Cellopart, der es Kian Soltani erlaubt, exotischer zu timbrieren und auch eine tranceartige Musizierhaltung anzunehmen.

Ganz in der persischen Musiktradition geht Soltani in der zweiten Programmhälfte auf, wo er die Schoßgeige Kamantsche ergreift und sich mit seinem Vater in das auf traditionellen Instrumenten musizierende Ensemble Shiraz einreiht. Leider sagt er nichts zu der Bedeutung der Texte, welche Sepideh Raissadat dazu mit Nachtigallenkehle singt. Und so schwingen die westlichen Zuhörer zwar mit, bleiben aber doch ein wenig Zaungäste.

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