Kultur : Kichern der Geschichte

Christoph Hein diskutiert in Berlin über Ost-West

Peter Laudenbach

Christoph Hein hält nicht viel von Wolfgang Thierses berühmter Formel, Ost- und Westdeutsche müssten einander ihre Biographien erzählen. „Das ist, wie wenn sich zwei in der Kneipe ihre Geschichten erzählen. Man erzählt seine Geschichte, und wenn der andere dann seine erzählt, hört man nicht hin und hofft, dass er bald damit fertig ist, damit man wieder mit der eigenen Geschichte anfangen kann.“ Überhaupt, das ganze Gerede über Ost- und West-Befindlichkeiten und die beiden deutschen Mentalitäten – Christoph Hein hat dafür nur Spott übrig. „Es gibt nur eine deutsche Mentalität, und die geht so: Ich habe Recht und der andere hat Unrecht.“ So gesehen könnte nichts deutscher sein, als wechselseitige Animositäten: Fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall haben Ost- und Westdeutsche in gemeinsamer Übellaunigkeit und Rechthaberei zusammengefunden.

Am Vorabend des 9. November diskutierte Christoph Hein im Berliner Hebbel-Theater mit dem Moskauer Philosophen Mikhail Ryklin, dem sächsischen Gewerkschafts-Funktionär Joachim Töppel und dem jungen Architekten Philipp Misselwitz die Spätfolgen der Wiedervereinigung: „Vermessung des transformierten Ostens“. Es war der erste öffentliche Auftritt Heins, seit bekannt geworden war, dass er ab 2006 die Intendanz des Deutschen Theaters Berlin übernehmen soll. Die Debatte, die diese Entscheidung des Kultursenators ausgelöst hatte, war nicht Thema der Diskussion im Hebbel Theater. Hein erwähnte sie mit keiner Silbe. Aber weil die Auseinandersetzung um die Zukunft des Deutschen Theaters nicht frei von Ost-West-Gereiztheiten ist, wirkten Heins kühle Diagnosen zu den Transformationsprozessen im Osten Deutschlands (und darüber hinaus) zwangsläufig wie lakonische Fußnoten zu der Auseinandersetzung um seine künftige Intendanz.

Die Frage des Moderators Ulf Kalkreuth, an welchem Punkt das Ende der DDR besiegelt gewesen sei und ob das von vielen DDR-Intellektuellen erträumte Projekt eines dritten Weges, einer demokratisch reformierten DDR zwangsläufig scheitern musste, beantwortete Hein denkbar kühl: „Letztlich gab es keine Alternativen.“ Keine Spur von Ostalgie und Phantomschmerzen um verlorene Gewissheiten. „Ich habe das Ende der DDR seit den Siebzigerjahren beschrieben.“ Dass viele DDR-Bürgerbewegte etwas anderes wollten als die staatliche Einheit mit der Bundesrepublik – für Hein kein Grund, Ressentiments zu kultivieren: „Dann kicherte die Geschichte und nahm ihre eigenen Wendungen. Wer bin ich, mich gegen die Geschichte zu stellen. Ich arbeite in der Abteilung Chronik.“

Ähnlich nüchtern und unlarmoyant diagnostizierte der Gewerkschaftsmann Joachim Tröppel die „verfehlten Erwartungen“, die sich an die Wiedervereinigung geknüpft hatten. „Jemand hat ausgerechnet, dass der gesamte Bedarf Ostdeutschlands befriedigt werden kann, wenn der Westen seine Produktion um 18 Prozent hochfährt. Die Ost-Produkte waren schlicht nicht konkurrenzfähig. Wenn wir unsere eigenen Produkte nicht kaufen wollen, ist klar, dass die Betriebe irgendwann Probleme bekommen.“ Die DDR-Wirtschaft ist nicht von westlichen Imperatoren und Fremdherrschern zerstört worden, sie wurde Opfer der gleichen Marktrationalität, der auch westliche Unternehmen unterliegen.

Frei von ideologischen Floskeln und Heimweh nach Honeckers Biedermeier nahmen die Gesprächspartner die veränderte Lage in den Blick. Vor allem Heins Prognose fiel düster aus. Der Niedergang der DDR-Wirtschaft ist in seinen Augen nur ein Vorspiel dessen, was die Globalisierung in den nächsten Jahrzehnten Europa bescheren wird: „Man ahnt, dass diese schöne Welt, die man im Westen mal hatte, schon zu unseren Lebzeiten verschwinden könnte. Wenn hunderte Millionen Arbeitsplätze aus Europa abwandern, wird man das hier spüren. So schöne Dinge wie Demokratie und Zivilgesellschaft müssen nicht das Ende der Geschichte sein.“

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