Kultur : Kiel oben

Kirsten Harms und die Deutsche Oper sind beschädigt – die Kollegen schweigen immer lauter

Christine Lemke-Matwey

Eines wäre am Tag fünf des neuesten Berliner Opern-Falles ganz gewiss zu einfach: Den Kopf (nein, das Wortspiel in Bezug auf das Neuenfelsische „Idomeneo“-Finale an der Bismarckstraße verkneifen wir uns jetzt) von Kirsten Harms zu fordern – und sich einzubilden, damit wäre alles wieder gut. Der Sache genüge getan; wenn nicht die richtige, so doch wenigstens eine Konsequenz gezogen; und also die Situation vorerst wieder bereinigt, die Situation der Deutschen Oper wie mutmaßlich die der Berliner Opernstiftung, womit beide sich so gut oder so schlecht präsentierten als wie zuvor.

Im Übrigen dürfte dieser Status auch dadurch kaum zu erreichen sein, dass das Charlottenburger Opernhaus bis auf weiteres nur noch „Idomeneo“ spielt, mit den diversen islamischen Organisationen der Stadt kooperiert, Schulklassen einlädt und Podiumsdiskussionen veranstaltet. Das mag alles nötig und löblich sein. Es kommt viel zu spät. Und wirkt notgedrungen seinerseits viel zu beflissen, ja hysterisch, um Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Mit der Absage der Neuenfels-Inszenierung haben wir alle, ob wir wollen oder nicht, ein Stück unserer Unschuld verloren. Mit nacheilendem Gehorsam ist die nicht wiederherzustellen.

Kirsten Harms hat Fehler gemacht. Sie hat sich in der Dimension der Sache verschätzt. Sie hat sich gar nicht oder nur sehr schlecht beraten lassen. Und sie hat ganz offensichtlich ein Kommunikationsproblem. Sie hat Briefe geschrieben, über zwei Wochen lang keine Antwort erhalten und hat bei den einschlägigen Stellen – beim Kultursenator, beim Direktor der Opernstiftung – nicht dringlich genug nachgefragt. Sie hat das auf ihrem Haus lastende „unkalkulierbare Sicherheitsrisiko“ nicht zum Anlass genommen, den Innensenator und die ihm unterstellten Sicherheitsbehörden um Amtshilfe zu bitten. Sie hat sich, wie es im bis heute gültigen Opernstrukturkonzept von 2004 heißt, auf die „künstlerische und wirtschaftliche“ Autonomie ihres Hauses besonnen – und ganz allein entschieden. Und hat, siehe oben, darüberhinaus damit spekuliert, dass das Ganze nicht an die große Glocke kommt. Auf die Solidarität und den Dialog innerhalb der Opernstiftung, auf deren aktuelle Belastbarkeit wirft das kein gutes Licht.

Jetzt jedenfalls ist da keiner, der schützend oder auch nur moderierend die Hand über Kirsten Harms hielte. Kultursenator Thomas Flierl kann und muss das nicht: Die Chancen, dass er im neuen Senat sein eigener Nachfolger wird, stehen schlecht. Außerdem dürfte er erst einmal damit beschäftigt sein, Licht ins Dunkel seiner behördlichen Postwege zu bringen (siehe Tagesspiegel von gestern). Innensenator Erhart Körting will das gar nicht: Ihm geht es zunächst um die eigene Haut. Eine Gefährdungsanalyse in Auftrag zu geben und sich um deren Folgen nicht zu kümmern, ist auf jeden Fall nicht die feine politische Art. Und die lieben Kollegen in der Kunst, Peter Mussbach und Daniel Barenboim, der Intendant und der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Andreas Homoki, der Intendant der Komischen Oper, und Michael Schindhelm, der Direktor der Opernstiftung? Sie schweigen, dass die Wände wackeln. Mussbach inszeniert gerade in Mailand „Don Giovanni“, Barenboim hält gerade in Boston die Norton Lectures, Homoki hält sich gerade grundsätzlich raus, und Schindhelm sagt bei jeder Gelegenheit, dass er nichts sagt.

Verständlich ist das durchaus. Die Zunge will sich hier keiner verbrennen. Schließlich geht es hinter den Kulissen um viel mehr als um eine einzelne Personalie und darum, ob die Kraft von Kirsten Harms für die Deutsche Oper Berlin nun ausreicht oder nicht. Angesichts des stetig sinkenden künstlerischen Renommées des Hauses quält diese Frage die Freunde und Besucher der Bismarckstraße übrigens schon lange. Paradox aber wahr: Spätestens seit Daniel Barenboim sich für seine Staatskapelle in einem genialischen Coup Bundesgelder sicherte und niemand in der Stadt sich bemüßigt fühlte, das Orchester der Deutschen Oper (und also das künstlerische Niveau!) pekuniär gleichzustellen, woraufhin Christian Thielemann die Flucht ergriff – spätestens seit diesen Tagen befindet sich das Haus im freien Fall.

Paradox aber fies: Bislang hat sich daran (von ein paar lästigen Kritikern abgesehen) keiner wirklich gestoßen. Die Besetzung des Intendantenpostens mit der Götz-Friedrich-Schülerin Kirsten Harms jedenfalls bedeutete von vorneherein weniger Aufbruch und Rückbesinnung auf alte glänzende Zeiten als vielmehr die Konsolidierung eines ordentlichen Mittelmaßes. Und jetzt soll ausgerechnet sie, Harms, es sein, die die „Bedeutung“ ihres Opernhauses, die Signalwirkung von Ort und Tat fahrlässig unterschätzt hat? Wer behandelt wird wie in Kiel (und sich so behandeln lässt!), der denkt am Ende eben auch, er befände sich in Kiel.

Der Zeitpunkt der Affäre allerdings ist in der Tat unglücklich. Wer schwach ist, wird leicht zum Opfer. Was immer in Michael Schindhelms neuem Opernstrukturkonzept geschrieben steht (das fertig ist und präsentiert werden soll, sobald die Stadt einen neuen Kultursenator hat): Die Deutsche Oper wird weitere Federn lassen müssen. Und Michael Schindhelm wird und muss sich für die Zukunft der Stiftung weiterreichende Kompetenzen ausbedingen. Damit einsame Entscheidungen wie im Falle „Idomeneo“ nicht mehr so einfach fallen. Und die ganze Sache Sinn macht. Schon munkelt man, das Haus würde à la Pariser Modell zur zweiten Spielstätte der Lindenoper degradiert. Hoffen wir, dass wenigstens dafür die Gelder reichen.

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