Kultur : Kiemen zum Atmen

ULF MEYER (ADN)

Städtebaulich brave Blockrandbebauungen schließen erfindungsreiche Räume und Details zum Glück nicht aus.Das beweist das siebengeschossige Wohnhaus des jungen Berliner Architekten Wolfram Popp in der Choriner Straße, mitten im Sanierungsgebiet Prenzlauer Berg.

Dem Haus mit zwei gleichwertigen Fassaden zur Straße und zum Hof sieht man seine originellen Interieurs und die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte von der Straße aus nicht an.Im Erdgeschoß liegen ein Laden und eine mit Stahlgewebe kaschierte Garage.Im ersten Geschoß befinden sich Büros und darüber zehn Wohnungen.Die loft-artigen Gewerbe- und Wohneinheiten unterscheiden sich kaum.Das Treppenhaus teilt das Haus außermittig, so daß pro Geschoß eine größere und eine kleinere Wohnung entstehen.Die Apartements haben nur einen großen Raum.Weil die Fassaden ganz verglast sind, kann man von Ost nach West vollständig durchs Haus hindurch sehen.Offene Bäder und Küchen und der Eingang können nur durch eine sogenannte Kiemenwand vom Wohnraum abgetrennt werden, bleiben aber selbst dann zu den Fassaden hin offen.Die Eigenkonstruktion besteht aus je zwölf raumhohen furnierten klappbaren Tafeln.Die bewegliche Wand läßt sich zu einem kleinen Paket zusammenfahren.Statt eine "Box mit Löchern" zu schaffen, will Popp einen "Raum moderieren" und "AntiHöhlen" schaffen.Er zieht es vor, "Schichten statt Grenzen" anzubieten.Offenheit ist eine Herausforderung für die Bewohner.Wegen des mangelhaften Schallschutzes und des nötigen weitgehenden Verzichts auf Möbel ist sie nicht unproblematisch.Das Konzept scheint dennoch erstaunlich gut zu funktionieren.Bedarf nach weiteren Unterteilungen, die der Architekt den Mietern anbot, bestand kaum."Zwang zur Offenheit" wollte Popp - anders als während der Euphorie für Großräume in den siebziger Jahren - vermeiden.

Eine zweite Besonderheit des Hauses sind die Estraden auf beiden Seiten der Wohnungen.Mit Estrade bezeichnet man einen wie ein Podium erhöhten Fußboden.Mit Parkett verkleidet, geben sie einen gemütlichen Sitzplatz ab, der an japanische Veranden erinnert.Den Wohnungen sieht man wegen der Estraden ihre Größe kaum an.Die französischen Fenster lassen sich auf ganzer Breite öffnen, und die leichten Metallbalkone dahinter reichen über die ganze Fassade.Ihre Brüstungen bestehen aus Metallgazen, die im Wind flirren.Drei Meter Geschoßhöhe, Holzfenster und Sichtbeton geben den Räumen ihren großzügigen, burschikosen Charakter.Der Architekt wohnt selbst in seinem Haus und entkräftet damit einen häufigen Vorwurf, Avantgarde-Planer bevorzugten für sich selbst Altbauten.

Neben architektonischem Mut vertritt Popp mit seinem Entwurf eine dezidierte Meinung, wie die Krise des Berufsstandes der Architekten zu überwinden sei.Denn seine Ideen standen schon vor der Grundstückswahl fest.Erst danach fand Popp statt eines Bauherrn einen Käufer, der das fertige Haus übernehmen wollte.Der Architekt mußte also selbst die Kosten kontrollieren, konnte aber verhindern, daß - wie so oft - sein Konzept in der Ausführung gefleddert wird.Popp gelang es, schöne Holz- und Metallbaudetails selbst zu entwickeln und bis zur Ausführung durchzuhalten.Er wollte im Rohbau mit Fertigteilen sparen, um bei den Materialien, die man täglich anfaßt, nicht knapsen zu müssen.Popp setzte einfache, günstige und im Wohnbau ungewöhnliche Stoffe handwerklich raffiniert und effektvoll ein.Er besteht darauf, daß Architekten zumindest in Nischen andere Argumente als der Immobilienmarkt zu bieten haben.Vielleicht entstehen nach dem Prototyp weitere Häuser.Denn die Wohnungen, die innovativ sind, ohne aufgesetzt zu wirken, haben schon lange ihre Liebhaber, das heißt Mieter gefunden.

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