Kienzle Art Foundation-Ausstellung : Im Stadtwald

Architekt, Kurator, Museumsdirektor: Johannes Gachnang war eine schillernde Gestalt. Die Berliner Kienzle Art Foundation erinnert nun an seine obsessive künstlerische Seite

Jens Müller
Der Orient als Vorbild: Die Radierung "Projet d'un repoir dédié à Charles-Louis Meryon" stammt von 1968 und ist das erste Blatt der Mappe "Die neue historische Architektur des Johannes Gachnang - Das byzantinische Reich".
Der Orient als Vorbild: Die Radierung "Projet d'un repoir dédié à Charles-Louis Meryon" stammt von 1968 und ist das erste Blatt...Foto: Eric Tschernow

Offenbar ein exemplarischer Moment: Ein Mann hat sich die Ausstellung „Nicht verblüffen, wundern will ich mich“ in der Kienzle Art Foundation angesehen, jetzt spricht er die Kuratorin der Schau, Angelika Arras, an. Ob ihr vielleicht noch ein Blatt in der Ausstellung fehle? Er habe da nämlich noch eines. Der Mann stellt sich als Hanspeter Heidrich vor. Damals, 1980, habe er die Ausstellung „Der gekrümmte Horizont“ in der Akademie der Künste organisiert. Zusammen mit Johannes Gachnang. Johannes Gachnang, Jahrgang: legendärer Leiter der Kunsthalle Bern, Ausstellungsmacher und Berater nicht zuletzt der Documenta 7 in Kassel. Und Kunstbuchverleger des mit Rudolf Springer gegründeten Verlages Gachnang & Springer. 2005 gestorben.

Die Museen in Basel und Bern weigern sich Werke auszuleihen

Angelika Arras hat ihn noch gekannt. Die Idee, sein druckgrafisches Werk auszustellen, das nahezu ausschließlich zwischen 1960 und 1973 entstanden ist, reicht etwa zehn Jahre zurück. Denn Johannes Gachnang war ein Mann mit vielen Berufen, wenn nicht Berufungen. Als gelernter Hochbauzeichner arbeitete er anfangs im Berliner Büro des Architekten Hans Scharoun. Die „Rekonstruktion der Stadt“ nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs und der sterilen Nachkriegsarchitektur war Tagesgeschäft. Bei Gachnang geriet dieses Zurückgewinnen zu einer Übung, in der sich Ornamentik, Manierismus und Architekturfantasien diverser Epochen verbanden. Gleichzeitig suchte er den Einstieg in die Kunstwelt als freier Künstler. Seine Nähe zur Architektur ist dabei in seinen Radierungen ebenso evident wie in der Entscheidung für eben dieses Medium. In die Blätter lassen sich abstrahierte, stilisierte Gebäudegrundrisse hineinlesen, Städtebilder, wild und geordnet zugleich. Rudolf Schmitz lassen sie „an Inkastädte im Urwald oder an Mayatempel“ denken.
Exemplarisch war jener Moment zwischen Angelika Arras und Hanspeter Heidrich übrigens deshalb, weil sie beim Zusammenstellen der Schau auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen ist. Die Museen in Basel und Bern, die das grafische Werk Gachnangs in ihren Archiven horten, waren nicht bereit, Arbeiten auszuleihen. Weil die Kienzle Art Foundation keine museale Institution sei. So hat die Kuratorin, mit Ausnahme des Lindenau-Museums in Altenburg, die nun ausgestellten Arbeiten, bei Privatleuten zusammengetragen, in zwei als aufreibend geschilderten Jahren der Recherche. Fündig geworden ist sie dann zum Beispiel gleich um die Ecke, bei der Architektenfamilie Kleihues, die das Blatt „Hommage à Walter Benjamin“ beisteuern konnte, auf dem in der unteren rechten Ecke das Cover der Edition-Suhrkamp-Ausgabe von Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ klebt.

Zwei Künstlernamen auf dem Blatt

Die Referentialität ist wiederum exemplarisch für Gachnang. Die Radierungen einer Mappe mit „Briefen an Freunde“ heißen „STANDART“ für A. R. Penck“, „Hommage à Louis Soutter“, „Poem Jim Dine“, „Sorcier Chaissac, je te salue!“, „An meinen Freund Georg Baselitz“ und „A letter to Jasper Johns“. Gachnang bringt es gar fertig, sich auf einem einzigen Blatt auf zwei Künstlernamen zu beziehen: „Hommage to Janis Joplin – or Frank Stella's Dilemma“.

Das Networking hat er schon zelebriert, noch bevor sein Schweizer Landsmann Hans Ulrich Obrist, der schwer vernetzte Superkurator unserer Tage, seine erste Stunde Kunstunterricht in der Schule hatte. Heute kanonisierte Künstler wie Baselitz, Immendorff, Lüpertz, A. R. Penck verdanken Gachnang viel. Baselitz und A.R. Penck sind deshalb mit Papierarbeiten ebenso in der Schau vertreten wie Hans Scharoun: der ehemalige Lehrer und Arbeitgeber, dem Gachnang einst seine erste Schau als Leiter der Kunsthalle Bern ausgerichtet hatte. Einem Architekten!

Der Orient als Vorbild: Die Radierung "Projet d'un repoir dédié à Charles-Louis Meryon" stammt von 1968 und ist das erste Blatt der Mappe "Die neue historische Architektur des Johannes Gachnang - Das byzantinische Reich".
Der Orient als Vorbild: Die Radierung "Projet d'un repoir dédié à Charles-Louis Meryon" stammt von 1968 und ist das erste Blatt...Foto: Eric Tschernow


In einer Vitrine steht nicht nur jener Band von Walter Benjamin, sondern auch Robert Walsers „Mikrogramme“. Nun lassen sich die Schweizer Künstler, die sich nicht irgendwie und sowieso auf Robert Walser berufen, an einer Hand abzählen. (Hans Ulrich Obrist hat einmal eine „Museum Robert Walser“ bezeichnete Vitrine kuratiert.) Aber der Betrachter möge sich einer der Radierungen der Mappe „Die neue historische Architektur des Johannes Gachnang“ einmal langsam aus der Entfernung einiger Meter nähern. Aus Flächen in verschiedenen Nuancen von Grau werden klitzekleine Schachbrettmuster werden mikroskopisch kleine Schraffuren. Der Gedanke an Walsers jahrzehntelang als unentzifferbar geltende, ohne Zeilenabstände auskommende Schrift der Mikrogramme ist da einmal nicht weit hergeholt.

Kostenpreis der Burkhard-Fotografie: 29000 Euro

Ob die Kuratorin ihr suggestives, Zusammenhänge aufzeigen wollendes Konzept am Ende übertreibt, wenn sie neben ein Mexico-City-Luftbild von Balthasar Burkhard noch die aktuelle Aufnahme eines Flüchtlingslagers an der jordanisch-syrischen Grenze hängt – der Betrachter möge selbst entscheiden. Natürlich war Gachnang mit dem großen Schweizer Fotografen bekannt: „Das Dunkel im Bild erzählt von den Energien der täglich wachsenden Stadt, gleichzeitig von der anderen Kraft, wie wir sie von den Holzschnitten von José Guadalupe Posada kennen oder den Gemälden Diego Riveras.“

Immerhin ist Mandel Gnans Foto für 350 Euro (brutto) die mit Abstand preiswerteste Arbeit der Schau. Die nämlich eine Verkaufsschau ist. Nicht alle Arbeiten sind käuflich, aber viele. Am teuersten ist die Burkhard-Fotografie für 29000 Euro. Die Radierungen von Johannes Gachnang, überwiegend in Auflagen von 60 Exemplaren erschienen, kosten 1700 oder 1900 Euro. Es sind schließlich keine einmaligen Noldes, wie Angelika Arras mit Blick auf das zugeknöpfte Verhalten der Schweizer Museen sagt. Vermutlich deshalb bietet Hanspeter Heidrich seinen Gachang („Cénotaphe pour Jean-Jacques Lequeu, l'inventeur du mauvais goût“) in seiner Kunsthandlung für moderate 330 Euro (netto) feil.
Kienzle Art Foundation, Bleibtreustr. 54; bis 18.7, Do–Fr 14–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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