Kilian Keypold über eine Kinderbande : Im Kampf gegen Vorurteile

Kilian Leypold erzählt in "Krähen gegen Ratten" von Kinderbanden und lässt zwei Welten in München aufeinanderprallen.

Ulrich Karger
Cover zu dem spannenden Roman über eine Kinderbande von Kilian Leypold. Foto: promo/Verlag
Cover zu dem spannenden Roman über eine Kinderbande von Kilian Leypold.Foto: promo/Verlag

Die Mettenstraße in einem Münchner Stadtviertel bildet für zwei Kinderbanden die Grenzlinie. Die „Krähen“ Murz, Flac, Kralle und Teer auf der einen Seite wohnen in Eigentumswohnungen, die „Ratten“ Matze, Güncal, Roya und Hunne auf der anderen in Sozialwohnungen. Anführer sind Murz und Matze. Während Matze gern Tagträumen nachhängt und sich in ausgedachte Geschichten hineinspinnt, zählt für Matze nur das, was auch messbar ist. Nachdem Murz eines Tages von den Krähen halb nackt durch die Brennnesseln gehetzt wird, ist Rache angesagt – doch dann kommt es ganz anders, und Murz und Matze haben gemeinsam ein Abenteuer zu bestehen.

Kilian Leypold wurde für das Manuskript dieses Romans mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet – und das dürfte noch nicht die letzte Auszeichnung gewesen sein. Das Sujet „Kinderbande“ erfährt hier nach Max von der Grüns berühmten „Vorstadtkrokodilen“ eine beachtliche Renaissance. Leypold bildet einerseits sehr treffend aktuelle Sichtweisen auf uralte und neu in den Fokus geratene Vorurteile ab und lässt zugleich immer wieder jene magischen Momente aufblitzen, wie sie von 12-Jährigen im Austausch untereinander durchaus (noch) abzurufen sind.

Ober- und Unterstadt, Hautfarbe, Geschlecht – alles kann Gegenstand einer Beleidigung sein und findet im Gegensatz zu allen pädagogischen Ratschlägen jeweils eine sehr handfeste Ahndung. Doch dann wird ein einfacher Stein Teil einer Wette und dessen unterschiedlich geschätztes Gewicht zur Bestimmung eines (vorläufigen) Sieges einer der beiden Banden erhoben. Für eine derart bedeutsame Entscheidung müssen natürlich genaue Regeln gefunden werden, wie und von wem das Gewicht zu messen ist.

Der Autor findet für die aus der Sicht von Matze und Murz erzählten Szenen eine Sprachregelung, die sehr gut die Spannbreite zwischen geradezu poetischem Eskapismus und nüchterner Weltanschauung entfaltet. Auch Erwachsene kommen vor, genretypisch nur als Neben- oder Randfiguren, die dafür jedoch sehr treffend mit ihren Eigenarten skizziert sind. Die einzige Kritik an dem Buch ergibt sich aus der Frage, ob es überhaupt noch Kinder dieses Alters gibt, die sich unter den Vorzeichen der Krähen und Ratten auf der Straße treffen. In der Realität scheinen sie vielmehr allein oder gemeinsam vor den Nachfolgegeräten der PCs „abzuhängen“ oder wenn als „Bande“, dann unter eher kriminellen Gesichtspunkten aufeinanderzutreffen.

Dieses Buch ist spannend und spart nicht an Situationskomik wie auch echten Gefühlen, die ausloten, was einen mutig sein lässt und zur Freundschaft befähigt. Ulrich Karger

Kilian Leypold (Text), Artem Kostyukevich (Bild): Krähen gegen Ratten. Der Bandenkrieg von Murz und Matze. Hanser Verlag, München 2014. 256 Seiten. 14,90 Euro. Ab 12 Jahren.

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