Kultur : Kill Me if You Can

Wettbewerb: George Clooneys Regiedebüt „Confessions of a Dangerous Mind“

Harald Martenstein

Die Kulturkritiker und Adornofans, die Amerikahasser und Hardcore-Alt-68er werden zumindest die Story lieben. Ein Fernsehstar als heimlicher Killer! Unterhaltung und Mord sind zwei Seiten derselben Medaille! Entertainment sucks and kills! Wir alle leben im Spaß-KZ, und so weiter.

Der Film nimmt also das, was die Kulturkritiker seit Jahrzehnten nicht müde werden zu behaupten, und macht eine flotte Geschichte daraus. Nein, noch besser: Die Geschichte ist vielleicht sogar wahr.

Eine gescheiterte Existenz namens Chuck Barris, ein Mann in den Dreißigern, der schon so manches erfolglos ausprobiert hat, wird vom CIA in den Sechzigerjahren als Agent und Auftragskiller unter Vertrag genommen. Der Zufall will es, dass in genau diesem Moment Barris’ Fernsehkarriere abgeht wie eine Rakete. Barris wird ein berühmter Moderator und Produzent und viel beschäftigter Liebhaber. Barris gibt es wirklich, er hat unter anderem das Original der Flirt-Show „Herzblatt“ erfunden und die „Gong Show“, bei der Dilettanten ein paar Sekunden oder Minuten lang als Entertainer auftreten dürfen, bis ihnen vom Publikum der Strom ausgeknipst wird. Sehr zynisch, sehr menschenverachtend. Aber der CIA gibt seinen Mitarbeiter Barris nicht etwa auf. Während der Liebesreisen der „Herzblatt“-Paare, unter anderem nach West-Berlin, macht der mitreisende Moderator nebenbei amerikafeindliche Elemente kalt.

Das, wie gesagt, soll passiert sein. Barris, der amerikanische Rudi Carrell, der im Nebenberuf angeblich 33 Leute umgelegt hat, bekam irgendwann eine – seien wir ehrlich: nicht gerade überraschende – Identitätskrise; er brach zusammen und schrieb seine Memoiren. War es so? Oder ist es nur die Wahnidee eines kranken Moderatorenhirns? Eine Wahnsinnsgeschichte ist es auf jeden Fall. Mit der immer besser werdenden Drew Barrymore. Mit einem Drehbuch von Charlie Kaufman („Being John Malkovich“). In kleineren Rollen: George Clooney, Julia Roberts, Rutger Hauer. Beste Voraussetzungen. Wie kommt es, dass „Confessions of a Dangerous Mind“ trotzdem nur mäßig fesselt?

Das Werk wird als „schräge Tragikomödie“ angekündigt – stimmt genau. Zwischen dem Tragischen und dem Komischen und dem Schrägen kann der Film sich leider nicht entscheiden. Er wechselt ständig seine Tonlage, so etwas klappt fast nie. Zuschauer im dunklen Kino sind wie kleine Kinder, sie möchten an die Hand genommen werden. Hier aber weiß man nicht genau, wie man sich fühlen soll. Vorsichtshalber fühlt man gar nichts.

Der Hauptdarsteller Sam Rockwell ist weder tragischer Held noch zynischer Antiheld, weder Sympathieträger noch Hassobjekt, weder Täter noch Opfer. Er ist von allem etwas – gewiss, so etwas gilt im Leben als der Regelfall, im Kino aber funktioniert es nur selten. Und die Regie? Sie stört durch Penetranz. Aufregende Schnitte, gewagte Übergänge, dichte dramatische Momente – das ist alles schwer okay. Aber es ist einfach zu viel. Zu viel zu wollen, nicht dosieren zu können: typische Anfängerfehler. Und dies ist ja auch ein Erstlingsfilm, die erste Regie des Schauspielerstars George Clooney. Nicht völlig misslungen. Und nicht wirklich gut.

Heute 16.30 Uhr (Cinemaxx 7) und 22.30 Uhr (Berlinale-Palast), morgen 12 und 21 Uhr (Royal Palast)

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