Kultur : Kim Kwang-Kyu wirft in seinen Gedichten einen sehnsüchtigen Blick auf Korea

Hans-Jürgen Heise

Kim Kwang-Kyu, 1941 in Seoul geboren, ist ein Grenzgänger zwischen den Kulturen und, wie die Menschen so vieler Völker, die von den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts entwurzelt worden sind, ein Spielball nicht zu beeinflussender Kräfte. Seine Kindheit wurde vom Koreakrieg überschattet, seine Jugend von Diktatur und Militärputsch mitbestimmt. Ein früh begonnenes Germanistikstudium ließ ihn schließlich, von 1972 bis 1974, nach Deutschland kommen. Dieser Aufenthalt in München trug erstaunliche Früchte: Kim Kwang-Kyu übersetzte Gedichte von Heinrich Heine, Bertolt Brecht und Günter Eich in seine Muttersprache, und seine Promotion über Eich, 1983 in Seoul, qualifizierte ihn für eine Germanistik-Professor an der Hanyang Universität.

Mit einem eigenen Lyrikband trat Kim Kwang-Kyu erst als Achtunddreißigjähriger an die Öffentlichkeit. Doch nun avancierte er rasch zu einem anerkannten und viel gelesene Poeten, der bis heute sieben Lyrikbände und drei Auswahlsammlungen herausgebracht hat und mit vier renommierten Preisen ausgezeichnet worden ist.

Der Versuch, den eigenen Standort zu erkunden, verbindet sich mit gesellschaftskritischen Auseinandersetzungen, und als Mensch unserer Epoche, die den gesamten Globus verwestlicht, zeigt er, gewissermaßen als Kehrseite seiner Naturliebe, das Disaster der Umweltzerstörung, und zwar als erster Dichter seines Landes. Landschaften, die in seiner Kindheit noch eine geradezu mythische Dimension besessen haben, sind zu Schutthalden verkommen und "ins Fernsehen entschwunden". Der Kulturschock, der nicht nur Individuen, sondern sämtliche Kontinente überwältigt hat, findet bei Kim Kwang-Kyu eine anschauliche Vergegenwärtigung: dadurch, dass er seine Erinnerungen bewahrt und die Welt von gestern mit der von heute konfrontiert.

Bei allem, was er über die Gegenwart sagt, nennt er mit, was in ihm an Sinnlichem nachleuchtet. Ein Merkmal seiner Modernität besteht gerade darin, dass er sich nicht fürchtet, als rückwärtsgewandter Träumer angeprangert zu werden: "Hier und da schreiben Polizisten Strafzettel aus, als wollten sie meine Nostalgie unter Aufsicht stellen". Kwang-Kyu hat kein folkloristisch entrücktes Korea vor Augen. Er macht sich nur klar, dass es erst ein knappes Jahrhundert her ist, als am Inwang, dem Hausberg Seouls, noch Tiger umherstreiften: "Armer Inwang-Berg", heute ist er "eingeschlossen inmitten der acht Millionen Einwohner Seouls/ sitzt am Rande der Wohnviertel Downtowns/ und wohnt im Alter zur Untermiete". Mit einer raffinierten, doch nie angehübschten Metaphernsprache versteht er es, assoziative Übergänge zu schaffen zwischen dem, was er memoriert, und dem, was seinem Gefühl den Atem verschlägt.

Mit einem Teil seines Wesens bleibt er der angestammten Mentalität verbunden. Korea ist ein Land, dessen Kultur sich nicht unwesentlich von der chinesischen ableitet - so wie Europas Kultur ihren Ursprung in der griechisch-römischen Antike hat; und wie bei uns das Christentum das Dasein entscheidend prägte (bis hin zu Reformation und Aufklärung), ist Korea vom Konfuzianismus bestimmt. Doch es gibt auch buddhistische Grundierungen. Und manches Meditative bei Kim Kwang-Kyu läßt an die - ja ebenfalls buddhistisch beeinflusste - Bilddichtung Japans denken: "Die Blätter sind alle gefallen/.../Wie wäre es, all die Gedanken beiseite zu wischen/../ wie wäre es / eine Weile so dem Herbst anzugehören".

Natürlich ist es falsch, sich das vormoderne Korea sls eine einzige Tempelstätte, eine Art fernöstliches Riesenkloster, vorzustellen. Der Dichter, er ganz allein, sieht die tranzendentale Aura der Dinge - ihren metaphysischen Widerschein, mit dem sie das Triviale und Irdische überflackern. Das wird in "Seelenberg" verdeutlicht, der Beschwörung einer Erhebung nahe dem Kindheitsdorf, die stets in Nebel, Wolken und Nachtdunkel lag, doch die nicht aufhörte, den Lyriker zu beschäftigten, so dass er eines Tages den Expressbus zurück nach Hause nahm, nur um von den (ihm mittlerweile fremdgewordenen) Dorfleuten zu hören, dass es "nie solch einen Berg in dieser Gegend gegeben hat".

Kim Kwang-Kyu bewegt sich zwischen authochthoner Tradition und einer Welt begradigter Flüsse und durchnummerierter Zeitgenossen, die "fett werden und Golf spielen", und dabei kleiner werden, immer kleiner, "ganz klein, /klein genug/ Nur ihr Name, ihr Alter und ihr Beruf sind noch da/ Sie sind so klein, dass sie unsichtbar wurden/ Noch kleiner können sie nicht werden". Die Menschen sind ebenso denaturiert wie die Landschaft, und alle forcierenden Nutznießer der universellen Demontage machen sich Sorgen wegen steigender Preise und klagen "fröhlich über den Lauf der Welt". Kim Kwang-Kyu ist übrigens nicht nur Poet, er ist auch Kulturvermittler und bemüht sich seit 1992 um einen Austausch zwischen deutschen und koreanischen Schriftstellern.Kim Kwang-Kyu: Die Tiefe der Muschel. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Chong Heyong und Matthias Göritz. Pendragon, Bielefeld 1999. 118 Seiten, 24,80 DM.

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