Kultur : Kinder? Auweia

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Von Susanna Nieder

Am Anfang stand ein Schwur: „Ich gelobe feierlich, auweia, dass ich mir fest vornehme, mich für das nächste Jahr zu bemühen um ein Kinderprogramm. Basta!“ So sprach Wolf Donner im Jahr 1977. Die Journalistin Gabriele Auensen-Borgelt und drei Kinder hatten den damaligen Berlinale-Chef so lange bearbeitet, bis ihm die Argumente gegen ein Festivalprogramm für Kinder ausgingen. Donner hat Wort gehalten. 1978 wurde auf der Berlinale erstmals „Kino für Leute ab sechs“ gezeigt; es kamen stolze 12 000 Zuschauer. In seinem 25. Jahr ist das Kinderfilmfest ein so selbstverständlicher Bestandteil der Filmfestspiele, dass man sich bewusst machen muss, wie ungewöhnlich es in den Siebzigern für ein internationales Filmfestival war, ein Kinderprogramm einzurichten.

Eigentlich sollte das Buch „Blicke, Begegnungen, Berührungen – 25 Jahre Kinderfilmfest“ zum Jubiläum während der letzten Berlinale herauskommen, doch die Produktion hat sich mächtig verzögert.

Berlinalegeschichte ist immer auch Zeitgeschichte, da macht das Kinderfilmfest keine Ausnahme. Man wird ganz müde, wenn man liest, wie das Kinderprogramm in den ersten zwei Jahren durchpädagogisiert wurde. Die Landesbildstelle als Mitveranstalter lud Pädagogen zu den Sichtveranstaltungen ein, empfahl Erziehern Vor- und Nachbereitung, erstellte Begleitmaterial, erbat Lehrerprotokolle der Schülerreaktionen, stellte gar eine Infrarotkamera in den Kinosaal, um die Kinder beim Filmgucken zu beobachten, und ein Tonband ins Foyer, um die anschließenden Gespräche mitzuschneiden.

Das änderte sich, als 1980 Moritz de Hadeln Berlinale-Chef wurde und mit der Landesbildstelle das Schulwesen aus dem Kinderprogramm hinauskomplementierte. Im Jahr darauf führte die junge neue Leiterin Gaby Sikorski Glamour, Stars und üppige Veranstaltungsorte ein – die Eröffnung des Kinderfilmfests 1981 im Ufa-Palast in Anwesenheit von Inge Meysel wurde mit rauschendem Beifall quittiert. Kinder durften jetzt auch ihre eigenen Meinung sagen. Die Kinderjury führten Renate Zylla, die bis heute das Kinderfilmfest leitet, und ihr damaliger Kollege Manfred Hobsch 1986 ein, den Gläsernen Bären für den besten Kinderfilm gibt es seit 1994.

Es macht Spaß, sich beim Blättern an Filme zu erinnern, die man selbst gesehen hat. Wolfgang Beckers „Vorstadtkrokodile“ (1979), die Lindgren-Verfilmung „Rasmus und der Vagabund“ (1982), der nordenglische Fußballfilm „Es gibt nur einen Jimmy Grimble“ (2001) oder „Kletter-Ida“ (2002), der in seinem Heimatland Dänemark sogar „Harry Potter“ überflügelte. Der Titel des Buches mag etwas gefühlig klingen, aber dass das Kinderfilmfest mit den anderen Berlinalesparten locker mithalten kann, belegt es aufs Allerschönste.

„Blicke, Begegnungen, Berührungen – 25 Jahre Kinderfilmfest“, Internationale Filmfestspiele Berlin und Jovis Verlag. Berlin 2002, 264 Seiten, 200s/w Abbildungen, 25,80 Euro.

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