Kultur : Kinder des Chaos

Das klappt schon: Wie Ausstellungsmacher Erden Kosova die Kräfte der Großstadt einfängt

Ulrich Clewing

Vor acht Jahren war Erden Kosova das erste Mal in Berlin. Eigentlich wollte er für seine Magisterarbeit recherchieren, Thema: die Malerei im Berlin der Zwanzigerjahre, doch dann machte er zwei interessante Erfahrungen. Erstens fanden sich die Gemälde der Neuen Sachlichkeit schon lange nicht mehr in der Stadt, in der sie einst entstanden waren. Und zweitens war am Potsdamer Platz ein riesiges Loch, „das ist mir als Bild im Gedächtnis haften geblieben“.

Damals fand Erden Kosova, dass Berlin und Istanbul einiges gemeinsam hatten. Beide Städte waren im Umbruch und zu Zentren des kleinen west-östlichen Grenzverkehrs geworden. In Berlin standen Touristen aus Polen Schlange vor Aldi-Filialen, in Istanbul waren es die Bulgaren und Rumänen, Russen und Moldavier, die dem rasant wachsenden türkischen Wirtschaftsleben Mitte der Neunzigerjahre eine besondere Note verliehen. „Sie kamen mit irgendeinem Krimskrams, oft unglaublich kitschigen Dingen, die sie an den Mann zu bringen versuchten“, erinnert sich Kosova. „Von den Erlösen kauften sie in Istanbul Jacken und T-Shirts, um sie in ihren Heimatländern wieder zu verkaufen.“ Ein Kreislauf, der halb legal, halb illegal für geraume Zeit bestens funktionierte und erst vor kurzem etwas abgeebbt ist.

Das Thema Stadt hat den 31-Jährigen seitdem nicht mehr losgelassen. Jüngstes Beispiel ist die Ausstellung „Along the gates of the urban“, die Kosova, der mit seiner Trainingsjacke, den weiten Jeans und schwer angesagten Turnschuhen ohne weiteres auch als DJ durchgehen würde, in der K & S Galerie organisiert hat. Die Schau ist Teil einer Reihe, die das Künstlerhaus Bethanien und das Schloss Solitude aus Stuttgart zusammen mit internationalen Kunstzeitschriften aus Rumänien, Tschechien, Lettland und der Türkei ins Leben riefen. Rumänien und Tschechen hatten ihre Auftritte in der Galerie bereits, nun ist die Türkei dran. Und da Erden Kosova nicht nur Theoretiker ist, sondern auch Gründer des Avantgarde-Magazins „Art-ist“, wurde er dazu ausersehen, eine Auswahl zu treffen. Einzige Bedingung: zwei Drittel der Teilnehmer mussten Stipendiaten sein, der Rest sollte aus der Heimatstadt des Kuratoren stammen – in diesem Fall aus Istanbul.

„Ich wollte eine Ausstellung machen“, sagt Kosova, „die zeigt, was geschieht, wenn in einer großen Stadt plötzlich starke Energien freigesetzt werden – so wie in Berlin oder in Istanbul in den Jahren nach dem Mauerfall.“ Für Kosova sind Metropolen die Orte, an denen soziale Umwälzungen und ihre Auswirkungen als erstes sichtbar werden. Aber nicht nur das: In Metropolen finden auch andere, nicht ganz so offenkundige Entwicklungen statt, etwa eine zunehmende Internationalisierung der Gesellschaft, die neue Identitäten schafft und nationalistischen Tendenzen zuwider läuft.

Kosova hat das schon öfter am eigenen Leib erfahren, als Schüler einer der elitären deutschen Schulen in Istanbul, später in seinem Wirtschaftsstudium, das er mit dem Bachelor abschloss. Oder in London, wo er seit vier Jahren lebt und am renommierten Goldsmith-College im Studiengang „Theory of visual culture“ an seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Strategies of disidentification“ sitzt.

Das Leben in einer großen Stadt kann hart sein, es bietet aber auch Möglichkeiten, die in überschaubareren Formen des Zusammenlebens nicht existieren. Die Künstler, die Kosova für „Along the gates of the urban“ ausgesucht hat, nähern sich diesen Problemfeldern auf vielfältige, sehr unterschiedliche Weise. Die Fotografin Secil Yersel hat sich auf ihre Herkunft besonnen, um allgemeine Veränderungen zu illustrieren. Sie hat ihre Großmutter in ihrer Neubauwohnung fotografiert. Eine alte, einsame Frau, die sich in ihrer Umgebung unwohl fühlt und ihre Unbehaustheit auch nicht verbirgt. Die Wohnung ist auf die Bedürfnisse von jungen Kleinfamilien zugeschnitten, ältere Menschen sind da völlig fehl am Platz.

Esra Ersen hat in Istanbul Einwanderer aus afrikanischen Ländern interviewt und zu einem Film zusammengeschnitten, und auch die in München lebende Künstlerin Nevin Aladag präsentiert Fotografien, die deutlich animierten Bildern ähneln. Auf ihnen sieht man einen jungen Mann reglos inmitten des tosenden Verkehrs stehen. Die Pose, die er eingenommen hat, erinnert an HipHop-Tänzer, was einer Umkehrung der Verhältnisse gleichkommt: Sonst immer in Bewegung, findet der Junge hier im Tanzschritt seinen Ruhepol. Oder Heman Chong aus Singapur, derzeit Gast im Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg: Er hat sich mit berühmten Vorgängern wie Richard Long beschäftigt und dabei die Natur zurück in die Stadt verfrachtet, ironisch natürlich. Der Brite ist berühmt für seine Land Art: Chong hat einen von Longs „Long walks“ umdefiniert, in „Walking long and hard“ umbenannt und mit Kommentaren zur Mühsal des Durchschnittsstädters auf Partnersuche und bei der Freizeitgestaltung ergänzt.

Das alles wirkt in den Räumen der relativ kleinen K & S Galerie, als hätte man sie eigens für diese Ausstellung gebaut. Kosova ist es gelungen, auf engstem Raum einen Eindruck von Homogenität und Stimmigkeit herzustellen, ohne dass sich die Arbeiten gegenseitig im Weg stehen oder das eine die andere überlagert. Möglicherweise ist das eine Eigenschaft, die er in seiner Geburtsstadt gelernt hat. Gewiss, man kann – zumindest in der Theorie – Berlin mit London und London mit Istanbul vergleichen und wird dabei jeweils verblüffende Ähnlichkeiten entdecken. In der Praxis jedoch: „Berlin und London sind so reguliert“, sagt Kosova. Dagegen gehe in Istanbul alles drunter und drüber. „Aber irgendwie klappt es trotzdem.“

K & S Galerie (Linienstraße 156, Mitte), bis 29. Mai, Mi–Fr 15-19 Uhr, So 12-17 Uhr.

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