Kultur : Kinder des Tyrannen

Späte Wiederentdeckung: Francisco Ayalas Diktatoren-Roman „Wie Hunde sterben“

Steffen Richter

Die spanisch-deutsche Literaturvermittlung geht bisweilen wunderliche Wege. Gewiss, Francisco Ayala hat die Öffentlichkeit nie gesucht. Selbst in Spanien erhielt er erst 1991 den Cervantes-, sieben Jahre später den Prinz-von-AsturienPreis. Dass er endlich auch in Deutschland bekannt wird und umstandslos in Manesses „Bibliothek der Weltliteratur“ einzieht, hat gute Gründe. Einen, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feierte, kann man ganz unpathetisch einen Zeugen des Jahrhunderts nennen.

Geboren wird Ayala 1906 in Granada. Anfangs malt er, schreibt aber schon als 19-Jähriger seinen ersten Roman. Wie Rafael Alberti, Federico García Lorca und Vicente Aleixandre gehört er zur mythischen „Generation 27“. Da ihm die Zeit wenig poesiefreundlich erscheint – 1923 installiert Primo de Rivera in Spanien seine Diktatur –, widmet er sich zunächst der Wissenschaft, studiert Soziologie und Literatur. Zu seinen Freunden zählen Max Aub und José Ortega y Gasset. Dessen Deutschland-Faszination steckt auch Ayala an. Ende der 20er Jahre kommt er zum Studium nach Berlin. Später wird er Rilkes „Malte Laurids Brigge“ und Novellen von Thomas Mann übersetzen. Zurück in Madrid bekommt Ayala 1934 einen Lehrstuhl für Völkerrecht. Als der Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg sich abzeichnet, emigriert er – wie 100 von damals 250 spanischen Universitätsprofessoren. Das Land erlebt einen intellektuellen Exodus. Für Ayala beginnt ein dreißigjähriges Exil in Argentinien, dann in Puerto Rico, schließlich in den USA. Erst 1976, nach Francos Tod, kehrt er nach Madrid zurück.

Vor drei Jahren war Ayala mit den Erzählungen „Der Kopf des Lammes“ erstmals eher zaghaft in Deutschland vorgestellt worden. Diese Sammlung höchst unterschiedlicher Texte aus den Jahren 1927 bis 1985 wollte vor allem einen repräsentativen Querschnitt durch das Stil- und Themenuniversum Ayalas liefern – von frühen, surrealistischen Erzählungen bis zur Überschreibung eines Kapitels aus seinem Lieblingsbuch, dem „Don Quijote“. Schon damals machte sich Begeisterung breit. Nun kann man in der bereits 1958 erstveröffentlichten Diktatoren-Parabel „Wie Hunde sterben“ einen klassischen Ayala bewundern.

Erzählt wird die Geschichte, die sich in einem unbestimmten lateinamerikanischen Land abspielt, von Luis Pineda, dem vermeintlich unbeteiligten und unbestechlichen Chronisten Pinedito. Draußen herrscht Anarchie, es wird geraubt, gemordet, gebrandschatzt. Pinedito aber, an seinen Rollstuhl gefesselt, sammelt zum Zweck einer späteren Veröffentlichung die Dokumente der Gewaltherrschaft, mit der Präsident Bocanegra samt Gattin Doña Concha die „kleine, verschlafene Republik im amerikanischen Urwald“ überzogen hat. Bocanegra, der „Vater der Habenichts“, erinnert nicht zufällig an den Argentinier Perón, seine so frivole wie ehrgeizige Frau an Eva „Evita“ Duarte. Regiert wird mit nationalem Getöse, Ämterschacher und der willkürlichen Ausmerzung unliebsamer Konkurrenten. Und mit Hilfe des Emporkömmlings Tadeo Requena, den Bocanegra als Jungen aus seinem Dorf geholt und zu seinem Privatsekretär gemacht hat. Vor allem auf Requenas heimliche Aufzeichnungen aus dem Zentrum der Macht stützt sich Pinedas Bericht.

Dass Requena seinen Gönner umbringt, dann selbst Opfer einer Intrige wird und das Land in die Hände einer Militär-Junta fällt – das wäre kaum spektakulärer als andere Putsch- und Diktatoren-Romane, an denen Lateinamerika so reich ist. Gäbe es da nicht Pinedito. Der wirft sich in die Chronistenpose und geriert sich als aufrichtiger Patriot. Und doch könnte er – darin besteht die erzählerische Finesse Ayalas – nichts als ein Taktiker sein, ein Heuchler und elender Opportunist. Eben ein Kind der Tyrannis. Im Bild, das Ayala aus wechselnden Perspektiven, in entregelter Chronologie und mit Mitteln der Groteske zeichnet, können sich lateinamerikanische Diktatoren von Perón über Batista und Stroessner bis Somoza wieder erkennen. Doch gemeint ist natürlich auch seine Heimat, das Land Primo de Riveras und Francos. Die Frage nach der Grenze zwischen Beobachten und Mittun zielt direkt ins Herz des europäischen 20. Jahrhunderts. „Wer“, heißt es bei Paul Celan, als hätte er Pinedito gekannt, „zeugt für den Zeugen?“

Ayala hält sich für keinen „professionellen Schriftsteller“. Seine Originalmanuskripte hat er vernichtet, Veröffentlichungen aus dem Nachlass soll es nicht geben. Doch zu seinem Werk gehören etliche Romane, die hierzulande noch keiner kennt, allen voran der „Garten der Lüste“. Für seinen deutschen Verlag und die bravouröse Übersetzerin Erna Brandenberger bleibt noch einiges zu tun.

— Francisco Ayala: Wie Hunde sterben. Aus dem Spanischen von Erna Brandenberger. Nachwort von Hajo Kesting.

Manesse. 2006. 384 Seiten, 19,90 Euro.

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