Kultur : Kinder haben noch Wachstumsraten

Kann man Kapitalismus denken? Der italienische Philosoph Giorgio Agamben in der Berliner Volksbühne

Thomas Wegmann

Mit einer Debatte über Marktwirtschaft hätte Franz Müntefering wohl kaum für Aufregung gesorgt. Weil die Marktwirtschaft, erst recht die soziale, stets auf den Markt und das Wirtshaus verweist. Beides sind heimelige Orte, weil man da auf Menschen und von Menschen Gemachtes trifft. Der Kapitalismus indes kennt angeblich keine Menschen und ist überdies schwer zu finden. Das ist das Unheimliche an ihm.

In seinem neuen, höchst heterogenen Buch „Profanierungen“ (Edition suhrkamp 2005, 95 Seiten, 7 Euro) versucht der italienische Philosoph Giorgio Agamben, zur Zeit Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin, den Kapitalismus aufzuspüren. Er tut das in Anlehnung an Walter Benjamins These vom Kapitalismus als Religion und nur auf wenigen Seiten. Der Rest ist anderem gewidmet, dem Glück und der Zauberei oder dem Genius. Dennoch dürfte es die Hoffnung auf Erleuchtung in Sachen Kapitalismus gewesen sein, die ausgerechnet am Pfingstmontag für eine volle Berliner Volksbühne gesorgt hat, als Giorgio Agamben auf Einladung des Einstein-Forums aus seinem neuen Buch las. Die deutsche Übersetzung trug Martin Wuttke vor. Religion und Kapitalismus – das zieht.

Agamben ist nach dem Ableben von Foucault, Luhmann und Derrida nicht nur hierzulande in die vakant gewordene Rolle des Star-Philosophen gedrängt worden: mit seiner These, dass der permanente Ausnahmezustand, wie er sich etwa in Guantánamo manifestiert, mittlerweile das Abbild westlicher Gesellschaften schlechthin darstelle. Nicht nur in diesem Fall erweist sich Agambens Denken als der Versuch einer Verortung abstrakter Begriffe und globaler Lagen. Das verbindet ihn mit seinem Gewährsmann Walter Benjamin. Nicht wenige seiner Texte waren Orten gewidmet, der Einbahnstraße etwa oder den Pariser Passagen. Bei Agamben sind es weniger Orte als Sphären, die auch sein neues Buch grundieren: die Sphäre des Heiligen und die des Profanen, die des Rechts und die der Ethik, die der Politik und die der Metaphysik. Und wie Benjamin ist Agamben dabei ein Schwellenkundiger. Ihn interessieren die Übergänge und Entgrenzungen, die mal gefordert, mal verworfen werden.

Die zunehmende Vermischung von Ethik und Recht, so Agamben im anschließenden Gespräch mit Susan Neiman, der Direktorin des Einstein-Forums, lehne er ab, weil Verantwortung dabei lediglich auf den Tatbestand juristischer Haftbarkeit eingedampft werde. Auch Kants notorische Gleichsetzung von Sittlichkeit und Gesetzlichkeit geht ihm buchstäblich auf den Geist. Man werde nicht automatisch glücklich, wenn man bloß tugendhaft lebe, und überhaupt sei Glück keine Frage des Verdiensts. Das wiederum wollte Susan Neimann so nicht mitdenken, und so entspann sich ein aparter Dialog über Agambens verschriftlichten Aufschrei: „Eine Katastrophe, wenn uns eine Frau liebt, weil wir es verdienen!“ Das wirkte für einige luftige Momente, zumal im Schiller-Jahr, als würde auf der Bühne ein imaginärer Dialog zwischen dem Spinozist Goethe und dem Kantianer Schiller inszeniert. Für den Spinozist Agamben jedenfalls ist Glück eine Form der Besinnungslosigkeit: „Wer glücklich ist, kann nicht wissen, dass er es ist.“

Vor dem Glück aber steht zur Zeit der Kapitalismus. Den endlich zu kritisieren, wurde vehement eingeklagt. Und so führte Agamben aus, was er wenige Tage zuvor schon ausführlicher an anderer Stelle vorgetragen hatte: dass der Kapitalismus der Trennungskünstler per se sei. Während die Religion lediglich das Profane und das Heilige separiere, trenne er als eine Art Hyperreligion die Dinge und die Menschen von sich selbst. Er stifte nicht an zum Gebrauch, sondern zum Verbrauch – und damit zum Konsum als Zerstörung. Dagegen helfe nur Profanierung: Dem allgemeinen Gebrauch zurückerstatten, was in der Sphäre des Heiligen abgesondert war, und handle es sich nur um die heilig-leere Sphäre des Kapitalismus. Das wiederum ist selbst eine Form der Profanierung, nämlich eine Profanierung des Redens über den Kapitalismus. Man gibt dem allgemeinen Sprachgebrauch zurück, was inzwischen offenbar tabuisiert ist. Weil die Wirtschaft nicht mehr wächst. Und ihr alle verständnislos dabei zuschauen. Als ob es nichts anderes zu tun gäbe, als einem nicht wachsenden Kind beim Wachsen zuzusehen.

Dabei, so erfährt man bei Agamben, liegt der Triumph von Kindern bisweilen gerade im Nicht-Erkanntwerden. Nur deswegen verstecken sie sich: um sich bebend als der genius loci des eigenen Verstecks zu entdecken. Vielleicht ist der Kapitalismus ja genau ein solches Kind.

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