Kultur : Kinder im Olymp

Venezuela setzt auf Erziehung durch Klassik. Edicson Ruiz schaffte es bis zu den Berliner Philharmonikern

Frederik Hanssen

Edicson Ruiz besteht darauf, geduzt zu werden: „Ich bin doch fast noch ein Kind!“ In der Tat wirkt der schmalschultriger Jüngling mit schüchternem Lächeln nicht, als sei er 20. Andererseits: Senor Ruiz ist ein Berliner Philharmoniker. Und die Mitglieder weltbesten Orchesters duzt man für gewöhnlich nicht.

Edicson Ruiz hat sich daran gewöhnt, überall der Benjamin zu sein. Seit seinem 14. Lebensjahr verdient er sein Geld in Profiorchestern. Dabei hatte er vier Jahre zuvor noch nie ein Musikinstrument in der Hand gehabt. Und überhaupt: Mit Klassik konnte er nichts anfangen. „Ich war schrecklich damals“, erzählt er, „ich war so aggressiv, dass meine Mutter nicht mehr wusste, was sie mit mir machen sollte.“ Dabei hatte sie es schon schwer genug: Weil sich Edicsons Vater nicht um seinen Sohn kümmerte, blieb ihr nichts anderes übrig, als Taxi zu fahren – nachts, in Caracas! Die venezuelanische Jugendorchesterbewegung wurde ihre Rettung: Als der Zehnjährige erstmals den Klang eines Kontrabasses hört, ist es um ihn geschehen. Von nun an will er nur noch eins: Diesen Riesen zähmen, Dompteur der tiefen Töne sein.

In jedem anderen Land der Welt wäre der Traum an finanziellen Hürden gescheitert: Wovon soll eine alleinerziehende Mutter mehrere Tausend Dollar für ein Instrument aufbringen, wie den Unterricht bezahlen? In Venezuela stehen jedem, der Klassik kennen lernen will, die kostenlosen Musikschulen offen. In dem mittelamerikanischen Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, wurde die legendäre Hilmar-Hoffmann-Forderung „Kultur für alle“ tatsächlich in die Tat umgesetzt: Weil die Regierung davon überzeugt ist, dass die Beschäftigung mit Klassik zur Charakterbildung beiträgt und die Kinder von der Straße holt.

„Ich habe die Zukunft der klassischen Musik gesehen“, erklärte ein überwältigter Simon Rattle im vergangenen Jahr, nachdem er mit der „Jungen Philharmonie Venezuela“ gearbeitet hatte. Und auch andere weltberühmte Maestri wie Claudio Abbado oder Giuseppe Sinopoli wollten kaum glauben, dass hier, fernab von old europe, eine ganze Generation begeisterter E-Musik-Fans heranwächst. 240 000 junge Musiker spielen derzeit in 57 Kinder- und 125 Jugendorchestern, als sei es die natürlichste Sache der Welt, seine Freizeit mit Mozart, Beethoven und Tschaikowsky zu verbringen. Zurück geht diese Entwicklung auf José Antonio Abreu, der sich vor 30 Jahren in den Kopf setzte, ein Jugendorchester aufzubauen. Man hielt ihn für einen Spinner. Heute wird er als Vater einer einmaligen Kulturbewegung landesweit verehrt.

„Bei meiner ersten Begegnung mit dem Kontrabass erschien mir das Instrument wie ein neues Spielzeug“, erinnert sich Edicson Ruiz – und beschreibt damit das venezuelanische Erfolgsrezept: Keiner soll sich als Anfänger fühlen, der einen steinigen Weg zur Perfektion vor sich hat, nicht über den Kopf, sondern über den Bauch sollen sich die Kids der Klassik nähern, lustvoll, haptisch. „Es macht eben einfach Spaß, allmählich ein Gefühl für sein Instrument zu entwickeln.“ Dass die Kids im Orchester lernen, auf andere zu hören, Verantwortung innerhalb eines Kollektives zu übernehmen, ist ein gewünschter Nebeneffekt: „Die Musik hat meinen Charakter verändert“, sagt Ruiz. „Im Orchester lernt man alle wichtigen Tugenden und bekommt eine Perspektive für die Zukunft.“ Aus seinem Mund klingt die abgegriffene Sonntagsreden-Floskel tatsächlich glaubwürdig.

Schnell werden die Lehrer auf Edicsons außergewöhnliche Begabung aufmerksam, bald hat er sich ins nationale Eliteensemble hochgearbeitet. Sechs Monate im Jahr wird da geprobt, zehn Stunden am Tag. Mit 14 bekommt er eine Chance, als bezahlter Musiker im Orchester „Simon Bolivar“ anzufangen und wagt klopfenden Herzens den Schritt vom Amateur zum Profi – auch um seine Mutter finanziell unterstützen zu können. 2001 lernt er beim Jugendorchester des Schleswig-Holstein-Festivals die beiden Philharmoniker Klaus Stoll und Janne Saksala kennen. Sie holen den 16-Jährigen nach Berlin. Erst spielt er in der Orchester-Akademie mit, dann wird er zur zweijährigen Probezeit zugelassen. Seit September ist er ganz offiziell jüngstes Mitglied der Philharmoniker. „Vor 30 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass jemand ohne Erfahrung wie ich aufgenommen wird.“ Auch Simon Rattle fragte „Who is that kid?“, als er Edicson das erste Mal im Orchester sitzen sah. Inzwischen aber sind die Philharmoniker seine Familie in der Fremde.

Die Karriere des Edicson Ruiz ist eine der großen Erfolgsstorys der venezolanischen Orchesterbewegung. Ebenso wie die von Gustavo Dudamel, der mit 18 Jahren künstlerischer Leiter der Jungen Philharmonie Venezuela wurde. Wenn sein Orchester am kommenden Donnerstag auf Einladung der Philharmoniker in Berlin gastiert, werden 220 Teenager am Ende ihre Instrumente in die Höhe reißen und der Saal wird toben, wie schon bei den Deutschland-Tourneen des Ensembles im Jahr 2000 und 2002. Edicson Ruiz lässt es sich natürlich nicht nehmen, bei dem Auftritt seiner Landsleute selber mitzuspielen.

Wenn er abends mit seinem Kontrabass ganz hinten auf dem Podium sitzt, würde er dann nicht auch manchmal gerne als Geiger oder Holzbläser die Melodien spielen statt nur die Begleitung? Edicson Ruiz schüttelt energisch den Kopf: „Niemals würde ich den Bass eintauschen! Ich liebe die tiefe Stimme, die Töne, die mich streicheln. Es ist, als ob wir Bassisten das Orchester tragen.“

Die Junge Philharmonie Venezuela tritt am 29. 9. in der Philharmonie auf.

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