Kultur : Kinder, Kinder

Jörg Königsdorf

wägt Wagners Worte Man kann von den Äußerungen Richard Wagners halten, was man will. Für einen Satz allerdings verdient der Meister uneingeschränkte Bewunderung: „Kinder“, ermahnte er irgendwann einmal seine Nachwelt, „schafft Neues!“. Mit diesem Seufzer offenbarte Wagner zugleich die bei Genies nicht eben häufig anzutreffende Erkenntnis, dass das eigene Werk nicht der End- und Gipfelpunkt der Musikgeschichte ist. Immer wieder wird dieses Diktum angeführt, wenn zeitgenössische Opern auf dem Spielplan stehen, um die Klagen aller, die lieber „Lohengrin“ oder „Meistersinger“ hören wollen, elegant zu entkräften.

Insofern folgen die Opernhäuser der Stadt nur Wagners Willen, wenn sie zur Saisoneröffnung eine weltweit wohl beispiellose Initiative für das zeitgenössische Musiktheater starten: Von den 43 Opernaufführungen, die in diesem Monat auf dem Programm stehen, sind 30 Werken gewidmet, die nach 1945 entstanden sind, 17 davon sogar Opern des 21. Jahrhunderts. Den Löwenanteil trägt natürlich die Deutsche Oper , die ihre „Tage der zeitgenössischen Oper“ feiert: Zu den Premieren von Isabel Mundrys „Odysse e“ am Mittwoch und Nicholas Maws „Sophie’s Choice“ (Premiere am 23.9.) gibt es noch die Wiederaufnahmen von Grigori Frids Anne-Frank-Oper und Aribert Reimanns „Schloss“ als Beiprogramm. Die Staatsoper liefert ab 14.9. mit ihren „Seven attempted escapes from silence“ gleich sieben Kurzopern am Stück, und die Komische Oper zeigt neben der Wiederaufnahme von Barrie Koskys lebenspraller Inszenierung von Ligetis „Grand Macabre“ -Spektakel auch noch Frank Schwemmers Kinderoper „Der Reiter mit dem Wind im Haar“ (heute und am 10.9.). Eine Parade der Moderne, in der die paar vereinzelten „Zauberflöten“ und „Toscas“, die es daneben noch gibt, fast wie Fremdkörper wirken.

Eigentlich alles so, wie Wagner es gewollt hat: Nur bei Bernd Eichingers hilfloser Version des „Parsifal“, die am 11.9. zum ersten Mal seit ihrer Premiere vor einem halben Jahr zum Staatsopern-Normalpreis zu sehen ist, hätte er vermutlich die Augen verschlossen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar