Kultur : Kinder, Schokolarde!

Die Debatte um die Reform der Rechtschreibung spitzt sich zu. Ein Vorschlag zur Entbiesterung

Hans-Martin Gauger

Wir Sprachwissenschaftler haben kein Glück. Kaum jemand außer uns interessiert sich für das, was uns interessiert: für die Grammatik, die Laute, die Verzweigungen der Bedeutungen und ihre Geschichte, für die Unterschiede zwischen den Sprachen, die Typologie der Sprachen undsoweiter. Für uns ist das interessant. Was die anderen Leute vor allem an ihrer Sprache interessiert, die Rechtschreibung, schert uns dagegen nur wenig. Weshalb wir eher von „Schreibung“ oder „Graphie“ reden und kaum von „Rechtschreibung“ oder „Orthographie“.

Übrigens muss man uns Sprachwissenschaftler nicht Linguisten nennen, schon gar nicht mit der albernen Aussprache „Lingu-isten“. Wir sind Sprachwissenschaftler, punctum; „Linguisten“ sind nicht wissenschaftlicher oder moderner. Die Rechtschreibung also lässt uns kühl. Sie ist halt irgendwann irgendwie festgelegt worden und ist nun eben, wie sie ist.

Hier aber haben wir in letzter Zeit etwas gelernt. Uns überrascht das enorme Maß an Emotionen, das uns da von außen erreicht. Von unserem Fach her können wir diesen Affekt nicht erklären; das kann nur die Psychologie. Offenbar erklärt sich dieser uns fehlgeleitet scheinende Riesenaffekt daher, dass die Rechtschreibung so früh, beinahe als allererste Kulturtechnik erworben wird. Unsere Sprache tritt uns da in ihrer Hochform, ihrer sozusagen objektivierten Schriftlichkeit entgegen. So ist sie für uns, die Sprechenden, definitiv. Wie jene Mutter aus dem Ruhrgebiet sagte: „Du musst deutlich reden, Kind, deutlich, nach der Schrift: Schokolarde!“

Allein diese übliche Wendung „nach der Schrift reden“ ist doch enthüllend. Man identifiziert sich mit dem, was man gelernt hat. Und dass die Sprache ein Besitz ist, etwas, das man hat, empfindet man erst dann intensiv, wenn einem etwas von ihr – durch solche Veränderung – genommen wird.

„Aber die Schreibung“, rief vor einigen Jahren Gerhard Stickel, damals Direktor des Instituts für deutsche Sprache, den Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu, „ist doch bloß das äußerlichste Gewand der Sprache!“ Heftige Entrüstung antwortete ihm. In der Tat: Das mit dem „äußeren Gewand“ meinen naiverweise wir, die Sprachwissenschaftler. Es ist unser Fall von Fachblindheit oder „Fachidiotie“, wie die Achtundsechziger sagten (eine ihrer wenigen guten Formulierungen). Für die Sprechenden ist es so gerade nicht. Denn Sprache ist ja nicht irgendwo, sondern in den Köpfen, im Bewusstsein derer, die sie sprechen und schreiben. Sie ist ein Teil (und dann auch die Bedingung) dieses Bewusstseins. Da gibt es auch für uns noch etwas zu lernen.

Die letzten Eingriffe in die Schreibung des Deutschen gab es 1901 und dann 1941, als Hitler die lateinische Schrift einführte (ich gehöre zu dem Jahrgang, der als erster keine andere mehr gelernt hat). Danach wurden Vereinfachungen geplant, Hitler stellte sie aber zurück, da sie nicht kriegswichtig waren. Das Kaiserreich (damals dachte man ja durchweg obrigkeitlich) hatte mit der Durchsetzung der ersten Reform kaum Probleme; was da verfügt wurde, war ohnehin eher eine Bestätigung des schon Üblichen. Hitler hatte noch weniger Probleme. Und nach 1945 wollte niemand zur Fraktur oder zur erst 1935 eingeführten SütterlinSchreibschrift zurück. Weit schwieriger sind solche Eingriffe unter demokratischen Umständen. Dies erleben wir nun.

Gegen die heutige Reform hat sich inzwischen eine formidable Phalanx aufgebaut: Alle deutschsprachigen Akademien, nahezu alle Schriftsteller, der deutsche PEN-Club, große deutsche Verlage, ein wichtiger Teil der deutschen Presse, viele Verbände, sicher auch sehr viele Lehrer, vor allem aber die deutliche Mehrheit der Bevölkerung.

Übrigens sind wohl auch die meisten deutschsprachigen Sprachwissenschaftler, sofern sie sich dafür interessieren, und auch viele ausländische Germanisten gegen die Reform. Als Gegner haben sich hier besonders der wackere Theodor Ickler, später auch Reinhard Markner hervorgetan. Auch einer der besten Kenner, der Potsdamer Grammatiker Peter Eisenberg ist gegen die Neuerungen: Wie sein Kollege Horst Haider Munske verließ er die Reform-Kommission im Streit. Und der wohl bedeutendste deutschsprachige Sprachwissenschaftler Harald Weinrich, spricht sich sehr dezidiert ebenfalls dagegen aus.

Für die Reform sind jetzt eigentlich nur noch die wenigen Sprachwissenschaftler, die sie ausgeheckt haben. Und die wechselnden Kultusminister, die sie unterstützten oder tolerierten, genauer: die in den Ministerien zuständigen Beamten, denen die Sache delegiert wurde. Diese Beamten sind das eigentliche – unpolitische – Fundament des Ganzen. Hier wedelt der unpolitische Schwanz mit dem politischen Hund, der sich dies gefallen lässt, weil er sich kaum dafür interessiert. Nur der frühere bayerische Kultusminister Zehetmair wurde vor neun Jahren sehr deutlich (aber seiner Beamten wurde auch er nicht Herr): „Man wird uns, die Kultusminister, fragen: Was habt ihr denn da angestellt? Es wird viel Streit, sogar erbitterten Streit geben.“ Prophetische Worte 1995, in der Tat!

Was kann jetzt sinnvollerweise geschehen? Persönlich wäre auch mir die schiere Rücknahme der „Reform“ am liebsten. Die vorreformatorische Rechtschreibung war zwar auch nicht ideal. Aber sie trat mit diesem frechen Anspruch nicht auf. Die vollständige Rücknahme scheint aber politisch nicht mehr möglich. Zu beklagen ist hier besonders die Haltung der SPD (meiner eigenen Partei) – in der CDU gibt es wenigstens beide Meinungen. Die sympathische Genossin Doris Ahnen, Chefin der überaus mächtigen Kultusministerkonferenz, jenes bisher unkontrolliert entscheidenden und im Grundgesetz nicht einmal vorgesehenen Gremiums, sagt, es gebe Wichtigeres. Dies kann, ja muss man auch gegen sie wenden. Gibt es nichts Wichtigeres als das eigensinnige Festhalten an der Reform? Warum gibt sie der Sache solch grandiosen Stellenwert? Warum verfestigt sie sich so? Auch sie ist, ohne es zu bemerken, im sanften Würgegriff ihrer Beamten.

Unmöglich ist es bei diesem Widerstand auch, die Reform nun einfach durchzuziehen. Diejenigen, die sie hartnäckig und zuletzt in arroganter Obrigkeitlichkeit betrieben haben, hatten wahrlich ihre Chance. Sie haben sie nicht genutzt. Ausreichende Zustimmung haben sie, zurückhaltend gesagt, nicht gefunden. Und eines ist klar: Der Streit, die nervende Unruhe wären mit dem simplen Festhalten an der Reform keineswegs aus der (deutschsprachigen) Welt. Er ginge womöglich verstärkt weiter.

Nun muss es einen Kompromiss geben und eine nicht zu knappe Verschiebung des Termins 1. August 2005, an dem die noch waltende orthographische Freiheit enden soll. Der ins Auge gefasste „Rat für Rechtschreibung“ muss baldmöglichst zusammengerufen werden. Die Kultusministerkonferenz hat ja gleichzeitig die Auflösung der bisher selbstherrlich agierenden Zwischenstaatlichen Kommission beschlossen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hat im vergangenen Jahr einen Kompromissvorschlag unterbreitet, der unter Peter Eisenbergs Federführung erstellt und von ihrer „Rechtschreibkommission“ beschlossen wurde. Dieser Kommission gehörten neben Eisenberg, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, der schwedische Germanist Gustav Korlén, Uwe Pörksen, Harald Weinrich und der Autor dieser Zeilen an. Der Vorschlag meidet verbiesterte Aufgeregtheit. Er nimmt zum Beispiel durchaus unleichten Herzens das „Herzstück der Reform“, die neue ss/ß-Regelung auf, die auch ihre Mucken hat, aber doch ein Fortschritt ist. Dieser Vorschlag sollte aufgegriffen werden und mit Blick darauf recht bald eine politische Entscheidung fallen.

Drei Gesichtspunkte zum Abschluss. Die deutsche Schreibung ist eine der einfachsten Europas. Allenfalls die des Spanischen ist noch einfacher. Ein französisch-, englisch- oder polnischsprachiges Kind muss eine ungleich größere Leistung beim Schreiben- und Lesenlernen erbringen. Insofern gab es kaum Handlungsbedarf. Sodann: Auch im Deutschen lässt sich die Schreibung noch vereinfachen; dabei kommt man aber immer wieder auf dieselben Vorschläge. Die ziemlich radikale „gemäßigte“ Kleinschreibung (alles kleingeschrieben außer Satzanfängen und Eigennamen) wurde seinerzeit kultusministeriell gestoppt. Sie wäre eine wirkliche Reform gewesen.

Man konnte dagegen sein. Ich selbst war es. Aber dass es sich um eine evidente Erleichterung des Schreibens gehandelt hätte, ist unbestreitbar. Nachdem sie gestoppt worden war, hätte man mit dem Reformieren eigentlich aufhören können. Denn es blieben nur Kinkerlitzchen, mit denen wir uns nun herumschlagen. Bis Vernunft einkehrt und der Rechtschreibfrieden wiederhergestellt ist.

Der Autor lehrte Romanistik und Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg. Er ist Vorsitzender der Sprachkommission und Mitglied der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erschienen von ihm die Sprachglossen „Was wir sagen, wenn wir reden“ (Hanser).

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