Kultur : Kinder und Frauen zuerst

KATRIN HILLGRUBER

Als hätte man es geahnt: Männer in kurzen Hosen oder Jogginganzügen, die keine sportlichen Absichten verfolgen, sondern Bequemlichkeit über alles stellen, offenbaren - abgesehen vom Sittenverfall - eine tiefe Trauerkrise.Auch daß es mit der weiblichen Vorliebe für große Tiere, in erster Linie Pferde, eine besondere, tiefenpsychologische Bewandtnis haben muß, ist keine neue Erkenntnis.Doch selten wurden diese Alltagsgewißheiten origineller formuliert und mit einem größeren empirischen Apparat analysiert als von Katharina Rutschky, etwa wenn sie in der Vorliebe junger Pferdenärrinnen fürs Voltigieren den Kompromiß zwischen Pferd und Spitzentanz ausmacht.Selten auch wird es bei der Verleihung des Heinrich-Mann-Preises in der Akademie der Künste amüsanter zugegangen sein.Die von der DDR 1950 gestiftete Auszeichnung wird seit 1994 von der wiedervereinigten Akademie für das schwer faßbare Genre der "intellektuellen Prosa" (Harald Hartung) vergeben.Sie ist mit 16 000 Mark dotiert.Bei den Rutschkys bleibt der Preis in der Familie, Ehemann Michael gehört neben Lothar Baier, Elke Erb oder Karl Markus Michel zu den Gekürten früherer Jahre.

Die 1941 geborene Katharina Rutschky ist als Publizistin das, was gerne "streitbar" genannt wird, vor allem seit sie mit der These vom "Mißbrauch des Mißbrauchs" aufwartete."Schwarze Pädagogik" war ein anderes Schlagwort, das sie in den siebziger Jahren prägte.Rutschkys jüngste Veröffentlichung "Emma und ihre Schwestern.Ausflüge in den real existierenden Feminismus" untermauert ihren Anspruch auf das wohlfeil gewordene Adjektiv.Polemisch mitreißend, aber sachlich anfechtbar hält sie der Frauenbewegung samt Auswüchsen wie "Staatsfeminismus" oder "Beschwerdekultur" deren angebliche Entbehrlichkeit vor.Sie streite mit Scharfsinn und Witz für Vernunft, Skepsis und Toleranz, heißt es in der Begründung der Jury.Der nautische Grundsatz "Kinder und Frauen zuerst", so Jutta Jacobi in ihrer Laudatio, gelte ebenfalls für das Schreiben Rutschkys: Sie habe Beachtliches zur weiblichen Selbsterkenntnis beigetragen und gezeigt, daß die oft beklagte Geschichtslosigkeit der Frauen kein Schicksal bleiben müsse.Humorlosigkeit, darf beruhigt ergänzt werden, muß ebensowenig das Schicksal frauenpolitischer Essayistik bleiben, das hat die Preisträgerin mit Bravour bewiesen.

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