• Kinder- & Jugendbuch: In Gewissensnot - René Appels spannender Roman über "sinnlose Gewalt"

Kultur : Kinder- & Jugendbuch: In Gewissensnot - René Appels spannender Roman über "sinnlose Gewalt"

Rolf Brockschmidt

Fast jeden Abend trifft sich der 15-jährige Dave mit seinen Kumpels, angeblich um Hausaufgaben zu machen, doch sein jüngerer Bruder Marc wittert ein großes Geheimnis. Hatte er nicht einmal am Telefon etwas von "Secret Six" aufgeschnappt? Eines Abends nimmt er allen Mut zusammen und folgt in sicherem Abstand seinem Bruder und dessen Freunden. Doch er läuft in die Falle und wird von Dave und seinen Kumpels ziemlich übel in die Mangel genommen. Trotzdem gibt er nicht auf. Schließlich findet er in Daves roter Ajax-Jacke viel Geld - zu viel Geld - ein Handy und später auch noch ein Schnappmesser. Könnte es sein, dass Dave sich nicht in allerbester Gesellschaft bewegt? Viel war in letzter Zeit von Vandalismus im Viertel die Rede, von Fahrraddiebstählen, Rempeleien und Verwüstungen in Snackbars, zerstörten Scheiben in der Schule und herausgerissenen Sträuchern in den Parks. Marc hat das ungute Gefühl, dass sein Bruder und die "Secret Six" damit etwas zu tun haben.

"Sinnlose Gewalt" - als ob Gewalt auch Sinn machen könnte - ist in den Niederlanden ein großes Thema im Bereich der Jugendkriminalität. Nach seinem erfolgreichen Debüt als Kinderbuchautor mit "Gefangen in Kids City" hat der Sprachwissenschaftler und Krimi-Autor René Appel sich dieses Themas angenommen. Im Mittelpunkt des Romans "Ein schrecklicher Verdacht" steht der zwölfjährige Marc, der dem finsteren Treiben seines Bruders, mit dem er das Zimmer teilen muss, auf die Schliche kommt, doch aus Loyalität zu ihm dicht hält.

Auch seiner alleinerziehenden Mutter Jacqueline, die mit der Erziehung der Söhne ihre Probleme hat, sagt er nichts. Appel schildert sie als wohlmeinende, liebe, nette Mutter, die in ihrer Gutmütigkeit die Lügengeschichten ihres älteren Sohnes nicht durchschaut. Zu allem Überfluss verliebt sie sich noch in den Polizisten Paul Verdonk, der die Vanadalismusfälle in der Nachbarschaft aufklären soll.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt René Appel einen fast unerträglich spannenden Roman, in dessen Zentrum Marcs Gewissenskonflikt steht. Er darf seinen Bruder nicht verpetzen, aber er hat auch das Gefühl, dass sein Bruder in Dinge verwickelt ist, die nicht mehr tolerierbar sind. Dieser Konflikt wird auf die Spitze getrieben, als Marc den niedergestochenen Vater einer Schulkameradin mit einem Messer in der Brust findet und in der Ferne eine rote Jacke aufblitzen sieht, wie sie sein Bruder besitzt.

René Appel versteht sein Handwerk. Es ist ihm ein herausragender Roman über pubertierende Kinder unserer Tage gelungen, die in der Großstadt weitgehend sich selbst überlassen sind. Es ist kein Roman mit erhobenem Zeigefinger. Aber es ist ein Roman, der bittere Wahrheiten auftischt, die der Leser allerdings nicht wahrhaben will. Sprachlich sind es reine Kabinettstückchen, wenn der überhebliche Dave mit rotzigen Sprüchen und dreisten Lügen seine gutgläubige Mutter hinters Licht führt. Die Lösung soll hier nicht verraten werden. Aber so viel steht fest: René Appel hat mit diesem preisverdächtigen Roman unter Beweis gestellt, dass er nicht nur ein guter Krimi-Autor ist, sondern auch als Jugendbuchautor Lust auf Mehr macht.

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