Kinderfilme : „Die Witze müssen rüberkommen“

Interview mit einer Einsprecherin: Gabriele Auensen-Borgelt hat den Berlinale-Film "In geheimer Mission" mit ins Deutsche vertont. Unseren Kinderreportern verrät sie, wie sie das Kinderfilmfest miterfunden hat.

Luca Moritz,Ruth Müller

Kinderfilme, die eigentlich keine sind

Frau Auensen-Borgelt, wie viele Filme haben Sie schon eingesprochen?

Früher waren es jedes Jahr mehrere, jetzt macht jeder Einsprecher nur einen, weil es sonst Terminüberschneidungen gibt. Übersetzt habe ich bestimmt schon 100.

Wie lange sind Sie denn schon dabei?
Seit 36 Jahren. Ich war schon dabei, als das Kinderfilmfest angefangen hat.

Boah. Machen Sie nur die Kinderfilme?
Ja. Die Filme für Ältere werden gar nicht eingesprochen. Ich finde das schade. Das Einsprechen ist überhaupt der Grund, warum es das Kinderfilmfest gibt. Vorher war die Berlinale nur für Erwachsene. Dass man das auch für Kinder machen sollte, war übrigens meine Idee.

Echt jetzt?
Mein Vater war 18 Jahre lang Pressechef der Berlinale. Früher war die Berlinale im Sommer, und ich bin so aufgewachsen, dass mein Vater im Sommer nicht da war und meine Mutter schlechte Laune hatte. Dann trudelten die Fotos ein – mein Vater und Gina Lollobrigida oder Sophia Loren, das waren damals die Stars. Und meine Mutter, die uns an der Backe hatte, konnte nicht mit. Als ich später für den Rundfunk arbeitete, fragte ich mich: Warum gibt es das eigentlich nicht für Kinder? Dann habe ich mir ein paar Kinder geschnappt. Wir sind zum neuen Festivalchef gegangen und haben gesagt: Also, jetzt muss auch mal was für Kinder kommen. Wie soll denn das gehen?, hat er gefragt. Kinder können das doch nicht verstehen und keine Untertitel lesen. Aber ein Jahr später gab es das Kinderfilmfest – weil man die Lösung gefunden hatte: das Einsprechen.

Haben Sie „In geheimer Mission“ vom Dänischen ins Deutsche übersetzt?

Normalerweise mache ich das, aber dieses Mal nicht.

Haben Sie den Text vom Blatt abgelesen?
Ja. Aber bis der da steht, braucht es mehrere Arbeitsschritte.

Erst wird das Drehbuch übersetzt.
Richtig. Dann geht es zum Einsprecher, und der macht daraus einen Text, der so klingt, wie man normalerweise spricht. Er darf nicht zu viel Text sprechen, aber doch genug, dass alles verstanden wird. Eigentlich möchte man den Film so laufen lassen, wie er ist, damit alle wissen: So hört sich Dänisch an. Aber ihr müsst ihn natürlich auch verstehen können.

Mit englischen Untertiteln hätten wir nicht viel anfangen können.
Eben. Wichtig ist beim Einsprechen auch, dass die Witze rüberkommen. Wenn man zu spät kommt mit seinem Witz, dann lacht keiner mehr.

Welchen Film, den Sie eingesprochen haben, fanden Sie ganz toll?
Es gibt mehrere, aber mein Lieblingsfilm war „Busters Welt“ vom schwedischen Regisseur Bille August, der lief 1984.

Und wenn Sie den Film nicht mögen?
Ja, das gibt’s auch, und Leute, das ist Körperverletzung. Wenn du dir den immer wieder angucken musst ... Ich kann mich an einen erinnern, der war furchtbar langweilig und hatte lange Strecken ganz ohne Text. Da musste ich mich so beherrschen, dass ich nicht einschlafe! Das ist wirklich gemein, denn wenn du nicht richtig aufpasst, dann kriegst du deinen Einsatz nicht. Was auch schwierig ist: Wenn du weinen musst. Da bleibt einem manchmal richtig die Stimme weg.

Man muss sicher auch aufpassen, dass man nicht zu laut in den Film reinredet.

Stimmt. Man darf nicht genau wie im Film sprechen, sonst denken die Zuschauer: Macht die da ihre eigene Show? Aber es darf auch nicht lahm klingen.

Das Beste ist eigentlich, wenn man gar nicht merkt, dass eingesprochen wird.
Ja, und das ist nicht einfach, besonders bei einem Film wie „In geheimer Mission“, wo sehr viel gesprochen wird.

Verstellen Sie Ihre Stimme?
Nein, ich spreche so, als würde ich euch was erzählen.

Wie kamen Sie dazu, fürs Kinderfilmfest einzusprechen?
Das hat sich so ergeben, weil ich damals schon Norwegisch konnte und Dänisch und Schwedisch sehr gut verstehe und übersetzen kann.

Wieso können Sie so gut Norwegisch?
Ich war mal mit einem Norweger verheiratet und bin dem Land immer noch sehr verbunden. Es lohnt sich wirklich, eine Sprache gut zu können.

Haben Sie schon öfter Gewinnerfilme eingesprochen?
Ganz oft, weil ich die skandinavischen Filme mache und das fast immer sehr, sehr gute Filme sind. In diesen Ländern werden Filme für Kinder genau so behandelt wie die für Erwachsene, die bekommen genauso viel Geld. Das merkt man.

Sprechen Sie auch Filme ein, deren Sprache Sie nicht verstehen?

Ja, denn es kommen ja Filme aus aller Herren Länder. Da gibt es nicht immer Einsprecher, die die Sprache können, Vietnamesisch zum Beispiel.

Wie macht man das denn?
Da richtet man sich nach dem Klang, nach Pausen ... Da muss man sich an was anderem festhalten, als wenn man die Sprache kann.

Sind Sie schon mal von einem Regisseur angemeckert worden?
Nein. Aber ich weiß, dass Regisseure manchmal fürchten, die Einsprache würde ihrem Film nicht gut tun. Für die ist das bestimmt nicht so einfach.
Und worauf muss ein Einsprecher noch achten?
Dass er vor der Vorführung aufs Klo geht! Das war einmal so schlimm, dass es mir nie wieder passieren wird.

Das Gespräch führten die Kinderreporter Luca Moritz, 11, und Ruth Müller, 10.

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